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  Jahresthema  
 
 
 

 Quo vadis. Wohin gehst du?

 Dr. Peter Birkhofer, Direktor des Zentrums für Berufungspastoral

Zunächst erinnert das Jahresthema 2010 an die bekannte Legende, die den apokryphen Petrusakten entnommen ist:  Der Apostel Petrus flieht vor der Verfolgung aus Rom und begegnet auf der Via Appia Jesus und fragt ihn: „Quo vadis, Domine?“ („Wohin gehst du, Herr?“). Und Jesus antwortet darauf: „Venio Romam iterum crucifigi.“ („Nach Rom, um mich erneut kreuzigen zu lassen“). Daraufhin erkennt Petrus beschämt, dass er eigentlich bei seiner Gemeinde in Rom sein sollte. Er kehrt um, wird in Rom gefangen genommen und gekreuzigt.
Es lässt sich bei dieser Legende aber auch die Frage Jesu mithören: „Und wohin gehst du? Bist du bereit zur Nachfolge oder bist du auf der Flucht vor dem Ruf, deiner Berufung?“
Petrus hat mit seinem Leben die Antwort auf die Frage des Herrn gegeben. Er ging den Weg der Nachfolge. Es war nicht der Weg, den er sich ausgesucht hat, aber es war sein Weg aus der Begegnung mit Jesus Christus heraus. So wird deutlich: Wer Jesus Christus begegnet, sich seinem Wort aussetzt, der wird in die Entscheidung gerufen.
Es deutet sich hier schon an, dass uns das Jahresthema 2010 mitten in die kirchliche Situation unserer Tage hineinführt. Ein Blick in die kirchliche Statistik zeigt, dass die Menschen derzeit nicht zu uns drängen, dass sich vielmehr viele abwenden, dass die Zahl der Seminaristen und der Gläubigen abnimmt, während die Zahl der Kirchenaustritte zunimmt. Und Mancher, der vielleicht äußerlich noch dazugehört, ist innerlich bereits weit weg von der Gemeinschaft der Glaubenden.
Allein diese Tatsache könnte Resignation und Mutlosigkeit bei all denjenigen auslösen, die noch bleiben bzw. die Verantwortung in den Gemeinden und Diözesen tragen. Dabei drängen sich gleich einige Fragen auf: Wohin geht es? Wohin gehst du, Kirche? Wo kommen wir hin, wenn es so weitergeht? Was ist zu tun, damit es anders kommt? Wie kann man die Situation in den Griff bekommen und der Bewegung eine neue Richtung geben?
Nicht Wenige klagen angesichts dieser Situation über den Wohlstand, der den Blick für das Wesentliche verstellt. Es kommt zu beschwörenden Appellen und Versuchen, mit allen Mit-teln, koste es was es wolle – bis hin zur Verleugnung der eigenen Identität –, die Gehenden aufzuhalten. Dass dies im letzten aber nicht weiterbringt, ist allenthalben bekannt.
Dass solch eine Situation auch nicht vollkommen neu ist, zeigt ein Blick in die Heilige Schrift. An vielen Stellen berichtet die Bibel, wie der Mensch vor Gott wegläuft, eigene Wege gehen will oder sich gar vor Gott versteckt (vgl. Gen 2,10). Oft stand das Gottesvolk in seiner Geschichte kurz davor, sich von seinem Gott loszusagen, weil es vergessen hatte, was Gott für Israel getan hatte.
Nach der 40jährigen Wüstenwanderung hat Josua das Volk Israel in das verheißene Land hineingeführt. Hier aber begegnet es den Göttern Kanaans, jenen Göttern, die ihren Verehrern Glück und Wohlstand verheißen. In seiner Abschiedsrede stellt Josua das Volk vor die Entscheidung: der treue Gott, der sein Volk befreit und gesegnet hat, oder die alten und neuen Götter der Heiden ringsum. Im Buch Josua ist dazu zu lesen: „Wenn es euch aber nicht gefällt, dem Herrn zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stroms dienten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohn.“ (Jos 24,15)
Dieser Glaube ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ruf in die Entscheidung. Noch deutlicher wird dies im sechsten Kapitel des Johannesevangeliums. Nach der Brot- und Eucharistierede fällt es vielen schwer, Jesus weiterhin zu folgen. Der „galiläische Frühling“, die erste Begeisterung für diese neue Lehre und diesen Propheten, die Aufbruchstimmung scheint an ihr Ende gekommen zu sein. Darüber hinaus ist Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Immer deutlicher zeichnet sich ab, wie Jesus in seiner konkreten Geschichtlichkeit zum unausweichlichen Ort der Glaubensfrage wird – bis hin zu den immer deutlicher werdenden Worten vom bevorstehenden Leidensweg.
Angesichts der Wohlstand verheißenden kanaanäischen Götter kann man die Unsicherheit des alttestamentlichen Gottesvolkes ebenso gut verstehen wie das Weglaufen derer aus Jesu Jüngerschaft, die einen Messias erwartet haben, der in Glanz und Herrlichkeit die politischen Verhältnisse wieder in Ordnung bringt, die Hungernden sättigt und darüber hinaus ein ruhiges Leben verspricht und somit paradiesische Verhältnisse nach menschlichen Vorstellungen herstellt.
Es zeigt sich, dass es ein langer und oft harter Weg ist vom Hören zum Aufnehmen der Botschaft. Weil es dabei weder Abkürzungen noch Schleichwege gibt, stellt Jesus denen, die noch bei ihm sind, die unerwartete und unerhörte, vorwurfsfreie Frage: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67)
Womöglich hat Petrus sich zunächst einmal umgewendet, geschaut, wie viele schon gegangen oder gar nicht erst gekommen sind. Doch die Frage ist nicht an jene gerichtet, die schon weg sind, sondern an die, welche noch da sind.
Jesus fragt sehr eindringlich: „Habt ihr euch wirklich überlegt, was es heißt, mir nachzufolgen, während rechts und links die Menschen davonlaufen?“ Es ist eine sehr ernste Frage, die nicht leichtfertig beantwortet werden kann. Was hält uns auf dem Weg der Nachfolge? Denn Jesu Frage ist eine echte Frage und keine billige Rhetorik, die zum Bleiben auffordern will.
Hat das Ganze noch einen Sinn oder ist es nicht besser, auch zu gehen?
Die Frage des Josua „Zu wem wollt ihr halten?“ und die Frage Jesu „Wollt auch ihr gehen?“ gelten uns.
Unsere freie Entscheidung ist gefordert.
Angesichts der oben beschriebenen Situation heißt das aber auch: Wer der Entscheidung mit sogenanntem leichtem Druck z.B. in der Familie nachhelfen will, ist genauso schlecht beraten wie derjenige, der durch inhaltslose Parolen oder allein durch bunte Flugblätter die Entschei-dung zu entschärfen sucht. All das wäre fatal, denn das Evangelium würde nicht mehr ernst genommen – die Heilsgeschichte so wenig wie Jesus als der Christus und das Heilsereignis in ihm.
Nun mag es den Anschein erwecken, dass das Weggehen gar nicht so schwer fällt. Doch muss sich derjenige, der sich dafür entscheidet, selbst fragen, wohin er gehen will. Im AT stellt Jo-sua das Volk vor die Alternative: Jahwe oder die Götter der umliegenden Kulturen.
Die Frage bleibt: Wer weiß ein anderes Ziel? Welche Alternativen zeigen sich, wenn es um Sinn und Ziel des Lebens geht?
Petrus bringt es im Evangelium auf den Punkt: „Wohin, zu wem sollen wir gehen? Wer zeigt uns die Richtung und den Weg?“ (vgl. Joh 6,68a)
Der Jahrmarkt der Weltanschauungen boomt, Wohlstand verheißende Götter bieten sich an, doch vermeintliche Ideale verfallen und ermatten. Große Worte und Parolen werden leer und tot. Dabei gibt es tote Worte und Namen bereits genug in der Geschichte.
Wer hat Worte des Lebens? Petrus bekennt im Blick auf Jesus: „Du hast Worte des Lebens!“ (Joh 6,68b)
Worte, die nicht unbedingt schön sind, die aber Leben schenken und Bestand haben, gültig bleiben – auch an den Grenzen des Daseins.
Worte, die einen Anspruch an uns richten und uns in ihrer Radikalität immer wieder anfragen und herausfordern. Es sind aber auch Worte, die uns Mut machen, das Leben zu wagen.
Nach wie vor ist mein Primizspruch aus dem Buch des Propheten Hosea solch ein Wort für mich: „Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerech-tigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du Jahwe erkennen.“ (Hos 2,21 f.)
In den Jahren meines Lebens habe ich durch Menschen erfahren, dass dieser Gott, der sich uns vertraut machen will, in Treue zu mir steht und mich begleitet. Er war bei mir, wenn ich Angst hatte oder wenn ich von lieben Menschen am Sterbebett Abschied nehmen musste. Und ebenso war er bei mir, wenn ich das Leben und die Freude am Leben in vollen Zügen genießen konnte.
Durch Menschen habe ich Gottes Treue an mir erfahren. Menschen, die mir durch ihren Glauben und ihr Zeugnis gezeigt und vorgelebt haben, dass dieser Glaube meinem Leben Kraft und Hoffnung, Sinn und Ziel schenkt. Und dafür lohnt sich aller Einsatz.
Berufung entzündet sich an Berufung, der Glaube lebt vom Hören, vom Weitersagen, vor allem aber vom glaubwürdigen Zeugnis Anderer.
Weil es Menschen gibt, die die Augen vor der Realität nicht verschließen, die aber nicht in das Gejammer, „es hat ohnehin alles keinen Sinn“ einstimmen, gilt das Wort des Petrus: „Ich kann und will nicht weglaufen; wohin auch, denn du allein hast Worte des Lebens!“
Quo vadis. Wohin gehst du?
Es ist bleibende Aufgabe der Berufungspastoral, Menschen in die Begegnung mit Jesus Chris-tus zu führen, ihnen zu helfen, sein Wort zu hören, sich für ihn zu entscheiden, um auf seinen Ruf „Wo bist du? Wohin gehst du? Bist du bereit, mir nachzufolgen?“ zu antworten: „Ich bin bereit, mit dir zu gehen, denn du zeigst nicht nur einen Weg, sondern du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben!“