| | Entscheidungshilfen
Dr. Peter Wolf, Priesterhaus Berg Moriah Wie kann eine Berufung erkannt werden? Grundlegend gelten hier die allgemeinen Kriterien für das Erkennen des Willens Gottes. Das verlangt Einübung. Nur wer einen Weg mit Gott geht, kann vertraut werden mit seiner Wegführung. Eine große Hilfe ist eine geistliche Begleitung durch einen Menschen, der selbst den Weg der Berufung gegangen ist und immer wieder neu geht. Aber niemand kann mir von außen sagen, was Gott von mir will.
Jede Berufung ist die Frucht eines Dialogs zwischen dem rufenden Gott und dem hörenden, freien Menschen. Dieser Anruf ist oft leise. Man muss nicht auf außergewöhnliche Ereignisse, nicht auf mystische Erfahrungen warten. Aber man muss lernen und sich darin einüben, den Anruf Gottes zu hören und darauf zu antworten.
1. Wachsende Unruhe in der Tiefe des Herzens Es gibt eine Unruhe im Herzen, die sich so artikuliert: „Das kann doch nicht alles sein!" Das ist nicht zu verwechseln mit Unzufriedenheit oder mit Flucht aus der Realität. Die Unruhe in der Tiefe des Herzens kann ein Anzeichen dafür sein, dass Gott mich in eine größere Nähe ruft.
2. Wachsende Sehnsucht, nach dem Evangelium zu leben Es kann ein Zeichen der Berufung sein, wenn immer mehr der Wunsch wach wird, so zu leben, wie Jesus selbst gelebt hat: ohne falsche Kompromisse, in einem totalen Vertrauen auf Gott, in großer Freiheit und Unabhängigkeit von materiellen Bedürfnissen ... Es darf allerdings nicht nur beim Wunsch bleiben. Ein Echtheitskriterium ist, ob man auch erste Schritte geht und das Evangelium im Alltag zu leben beginnt.
3. Wachsende Freude am selbstlosen Dienst für andere Ob im Herzen eine geistliche Berufung wächst, kann sich auch zeigen an einer zunehmenden Freude, Menschen zu helfen und ihnen zu dienen. Konsum-Mentalität, Karrieredenken und egoistische Lebenseinstellung werden dann immer mehr als hohl und lebensfeindlich durchschaut. Es kann ein Anruf sein, wenn ich erfahre, dass mich selbstloses Dienen glücklich macht.
4. Wachsender Wunsch, den Glauben weiter zugeben Oft steht man mit seiner Glaubensüberzeugung allein. Ein Zeichen der Berufung kann es sein, wenn ich zwar andere Menschen in ihren Fragen und in ihrem anderen Denken verstehe und respektiere, gleichzeitig aber so viel Freude am Glauben finde, dass ich davon überzeugend reden kann und ihn gerne anderen weitergeben will. Vielleicht drängt es mich zum Beispiel, einen Bibelkreis zu gründen. (Jedenfalls ist eine Ordensberufung nicht Flucht, sondern Einsatz für das Evangelium.)
5. Wachsende Bereitschaft, Gemeinschaft mitzutragen Jeder Christ muss auf eigenen Beinen stehen und selbstständig sein. Wer seine Verantwortung oder seine Persönlichkeit an eine Gruppe abtreten will, ist z.B. im Orden nicht am rechten Platz. Wenn in mir aber eine Offenheit wächst, mich in eine Lebensgemeinschaft aus dem Evangelium einzubringen und Mitverantwortung zu übernehmen, kann das ein Anruf sein. Die Nachfolge Jesu wird konkret, wenn ich mich frei dafür entscheiden kann, mich selbst loszulassen und nach einer verbindlichen Gemeinschaftsregel zu leben.
6. Wachsende Offenheit für den Weg der christlichen Ehelosigkeit Der Weg in einen Orden kann damit beginnen, dass die Einladung Jesu, um des Himmelreiches willen ehelos zu leben, als eine sinnvolle Lebensmöglichkeit entdeckt und zunehmend als ein Weg der Liebe verstanden wird. Jesus sagt: „Wer das erfassen kann, der erfasse es." (Mt 19,12) Ein Zeichen einer Ordensberufung könnte sein, wenn mich der Verzicht auf Ehe, auf sexuelle Beziehung und eigene Kinder zwar schmerzt, in mir aber doch eine liebende und tragfähige Freundschaft zu Jesus Christus wächst, die mich dazu drängt, Jesus diesen Verzicht zu schenken, um Ihm ganz anzugehören. Die Berufung zu einem Leben nach den evangelischen Räten wird sich auch darin zeigen, ob sich der Bereich der Sexualität und der Beziehungen zu anderen Menschen zunehmend so ordnet und integriert, dass ein eheloses Leben lebbar und sinnvoll erscheint.
7. Wachsendes Hingezogensein zu Gott Das geistliche Leben ist mehr als eine punktuelle Begeisterung; es geht um ein zunehmendes Gezogenwerden in die Nähe Gottes. Da gibt es zwar noch viele Lücken und Rückschläge im geistlichen Leben, aber es bleibt dieses Hindrängen zu Gott. Es wird deutlich: Ohne eine intensive Beziehung zu Gott kann ich nicht leben. Konkret kann das werden in der wachsenden Liebe zum Gebet, zur Stille, zur Bibel, zur Eucharistiefeier.
Diese Kriterien sind Gesichtspunkte für eine verantwortbare Entscheidung. Sie sind keine Checkliste und kein Eignungstest. Es werden aber wichtige Punkte genannt, bei deren überwiegendem Fehlen eine Berufung z.B. zum Leben im Orden, im Säkularinstitut oder als Priester eher auszuschließen ist. Es bleibt aber die jeweils ganz persönliche Geschichte und das vertrauensvolle Gespräch mit verantwortlichen Begleitern selbst. Über eine Berufung kann niemand allein entscheiden; jeder muss den Ruf hören: „Komm!“ | |