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Quo vadis. Wohin gehst du?
Das diesjährige Jahresthema zitiert die Legende, in der Petrus Jesus fragt: „Quo vadis – Wohin gehst du?“ Mit der Antwort Jesu wird Petrus eigene Zielrichtung in Frage gestellt. Die Frage, wohin gehst du, kann natürlich ganz allgemein gemeint sein. Es ist gut, sich hin und wieder zu besinnen, wohin ich mich bewege, und worin ich mein Ziel sehe. Im Kontext der Legende und der liturgischen Texte des 4. Ostersonntags, wobei im Folgenden besonders auf die 2. Lesung aus der Offenbarung und das Evangelium Bezug genommen wird, ergibt sich aber noch eine Zuspitzung. Die Frage stellt sich, wie mein momentanes persönliches Lebensziel mit dem Anspruch Gottes an mich und damit meiner Berufung zusammengeht. Welche „Opfer“ ergeben sich daraus? Denn Petrus opfert schließlich sein Leben und folgt so seiner Berufung und seinem Herrn nach.
1. Sich auf den Weg machen
Die Renaissance von Pilgerwegen, die besonders deutlich wird bei dem Ansturm auf dem Weg nach Santiago de Compostella, zeigt die Sehnsucht Vieler, von den gewohnten Wegen des Alltags abzuweichen, um „mal weg zu sein“. Auch wenn nicht alle Menschen auf diesem Weg primär den Glauben suchen, stellt sich offensichtlich für sie die Frage, wohin sie in ihrem Leben gehen wollen. Sie suchen nach Sinn. Vielleicht ist von da aus der Weg nicht mehr weit, die eigene Berufung zu suchen und damit auch den Rufenden. An diesem Punkt kommt manch einer dem religiösen Sinn eines solchen Pilgerweges näher, als er selbst zunächst beabsichtigt hatte.
2. Die Erfahrung der Begegnung
Nach der Legende floh Petrus im Zeitraum zwischen 64 und 67 n. Chr. vor der Verfolgung durch Kaiser Nero aus Rom. Auf seinem Weg begegnete ihm Jesus, der in Richtung der Stadt unterwegs war. Petrus fragte ihn: „Quo vadis, domine? Wohin gehst du, Herr?“ Jesus antwortete: „Ich gehe nach Rom, um mich nochmals kreuzigen zu lassen.“ Diese Antwort Jesu ließ Petrus das Ziel seiner Flucht hinterfragen, er kehrte um und wurde in Rom gekreuzigt. Er opferte sein Leben. Die herausfordernde Begegnung mit Jesus, der ruft, lässt den eigentlichen Sinn finden. Der Ruf erfolgt dabei, wie in der Legende, nicht immer ausdrücklich. Eine Begegnung, in der ich bemerke, dass jemand bewusst in eine andere Richtung geht und so meinen Weg in Frage stellt, kann manchmal viel wirkungsvoller sein als der direkte Appell. Aber wo finde ich diese Begegnung mit Jesus, mit Gott? Das Evangelium setzt diese Begegnung und Verbindung mit Jesus offensichtlich voraus. Die Aussage „und niemand wird sie meiner Hand entreißen“ (Joh 10, 27c) kann sogar das Gefühl vermitteln, dass ich diesem Gott gar nicht entrinnen kann. Das Gefühl der Geborgenheit, das sich bei diesem Satz einstellt, weil ich aus dieser Hand nicht herausfallen kann, vermag schnell in das Gefühl der scheinbaren Ausweglosigkeit zu wechseln und umgekehrt wieder in die Geborgenheit hinein, so wie es uns im Psalm 139 vor Augen geführt wird. Es gibt jedoch ebenfalls die Lebensphasen, wo ich diese Nähe Gottes nicht spüre, Zeiten in denen ich Gott frage, wo er ist. Gerade in kritischen Momenten des Lebens mag es sein, dass ich die Gegenwart Gottes nicht erlebe und die Begegnung mit ihm fern ist. Infolge solcher Erfahrungen wendet sich Petrus mehr als dieses eine Mal von der Entscheidung zur Nachfolge ab und verfehlt seinen Weg. Er erkennt aber in der Folge immer die Zeichen in seinem Leben, die ihn zurück in die Nachfolge rufen. Er weiß für sich grundsätzlich, dass es für ihn keinen anderen Weg gibt, was deutlich wird, wenn er zu Jesus sagt: „Herr, zu wem sollen wir gehen. Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6, 68). Nur ist es für ihn nicht immer so leicht, dieses Grundbekenntnis seines Glaubens und Lebens konkret umzusetzen. Er braucht dafür schon mal seine Zeit und den ein oder anderen Umweg. So kommt es auch für mich manchmal darauf an, in den Zeiten, wo es mir schlecht geht, die Zeichen zu suchen, die mich Gott begegnen lassen.
3. Das Opfer
Nun kann man Petrus ja vorhalten, dass er echt ein Schaf sein muss, um nach Rom umzukehren. Dass er sein Leben opfert, erscheint ja nicht als die cleverste Alternative. Im Evangelium werden wir dann auch zwangsläufig zu Schafen ernannt, wenn wir dem Ruf Jesu folgen. Muss ich ein Schaf sein, um diesem Gott zu folgen? Was opfere ich denn da, wenn ich diesem Ruf folge? Werde ich vielleicht sogar zum Opfer? Das ist ja an sich kein erstrebenswerter Zustand. „Du Opfer“ ist in den letzten Jahren sogar zum Schimpfwort geworden. Derjenige der beschimpft und gedemütigt wurde, war ja schon immer das Opfer. Aber durch die Verwendung des Wortes „Opfer“ als Schimpfwort ändert sich etwas. Das so genannte Opfer erlangt in dieser Blickweise nicht mehr das Mitgefühl und die Solidarität, sondern wird absichtlich isoliert. Und wer will sich schon auf die Seite des Opfers stellen, wenn er dann selbst zu einem solchen wird. Die einfachste Alternative ist dann, sich auf die Seite der Täter zu stellen. Dann bin ich aus dem Kreis raus, der sich um das Opfer bildet. Denn ich stehe mit anderen um das Opfer herum, bin auf der sicheren Seite und werde ganz schnell zum Täter. In der Lesung aus der Offenbarung übernimmt paradoxerweise das Opferlamm die Rolle des Hirten. Von ihm wird gesagt, dass er die große Schar weiden und zur Quelle führen wird (vgl. Offb 7,17a). Um folgen zu können, muss ich natürlich das feste Vertrauen haben, dass mich der Hirte zu den Quellen führt, dass das Opfer folglich nicht sinnlos ist, sondern mich zum Leben führt. Das kann ich nur ernsthaft glauben, wenn Er selbst diesen Weg gegangen ist. Wenn Er zum „Opfer“ geworden ist, das zum Leben führt. Petrus merkt auf durch die Opferbereitschaft Jesu, der sich wiederholt kreuzigen lassen will. Petrus spürt, dass er alles opfert, was ihm wichtig ist, wenn er nicht umkehrt. Er opfert den Sinn, den er gefunden hat, wenn er nicht dem folgt, der Worte des ewigen Lebens hat. Er verrät sich dann selber. Es geht hierbei nicht um eine falsch verstandene Leidensmystik, die im Opfer einen Selbstzweck sucht. Eine Leidensmystik, die mich nicht zum Leben führt, sondern sich darin gefällt, das Opfer und den Schmerz um des Schmerzens willen zu suchen, ist nicht der Weg, den Jesus uns weist. Jesus führt uns zum Sinn unseres Lebens und damit zu einem „SINN-VOLLEN“ Leben. Das Schöne ist, dass ich den Sinn meines Lebens geschenkt bekomme. Es geht dabei nicht um meine Leistung, sondern befreit von mir und den Vorstellungen, was ich unbedingt erreichen muss, kann ich folgen. Sonst könnte ich den Schritt der Entscheidung oft nicht gehen. Wer kann denn aus eigener Kraft sich für ein ganzes Leben festlegen, sei es für die Ehe, für die Ordensberufung, für den Weg als Priester oder in Bezug auf eine andere lebensentscheidende Frage? Wenn ich diese befreiende Kraft auf meinem Weg erfahre, und zwar dadurch, dass ich dieses Wagnis mit diesem Gott eingehe, dann bekommt das Opfer, das ich vielleicht auch durch die eine oder andere Entscheidung bringe, einen anderen Sinn oder überhaupt erst einen Sinn.
Impulse zum Weiterdenken
- Das Lied 623 im Gotteslob stellt Fragen, die das Thema weiterführen und konkretisieren können. Die gegebene Antwort „die Liebe zählt“ kann eine Sinnrichtung aufzeigen.
- Bei Wegentscheidungen „opfere“ ich immer mindestens eine Möglichkeit. Welchen Gewinn habe ich aber durch die getroffene Entscheidung? Welche Lebens-möglichkeiten eröffnen sich mir dadurch?
- Konkrete Weg- und Lebensentscheidungen aus dem persönlichen Erleben können das Thema „Wohin gehst du?“ bereichern.
Erarbeitet von einer Arbeitsgruppe im Rahmen der Jahreskonferenz der Berufungspastoral in Fulda 2009
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