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Prof. Dr. Christoph Jacobs: Berufungspastoral nach innen
1. "Werbefaktor" Motivation Wer an Berufungspastoral denkt, für den steht das Gebet um Berufungen mit Gewissheit zu-nächst ganz oben. Mit Recht. Denn Berufungen zur Nachfolge "macht" man nicht selbst. Das Beten um Berufungen ist ein Ausdruck der dankbaren Selbstvergewisserung der eigenen Berufung. Und dann ist es zugleich Symbol und Ausdruck der Hoffnung auf das Geschenk, das Gott selbst uns Menschen mit seinem Rufen in die Nachfolge macht. Wir brauchen heute die leidenschaftliche betende Vergewisserung der Berufung zum gemeinsamen Christsein in besonderer Weise. Denn "Geistliche Berufungen" im engeren Sinn und pastorale Berufe erwachsen aus dem Boden dieser Berufung. Wenn dies klar ist, bleibt die Frage: Was können wir selbst dabei tun? "Wir bitten Sie, einen Artikel für unser Werkheft der Berufungspastoral zu schreiben zum Thema „Öffentlichkeitsarbeit nach innen“. Es könnte dabei um die positive Öffnung im Bewusstsein kirchlicher Mitarbeiter für Anliegen der Berufungspastoral gehen, um die Frage, wie der Widerstand gegen das Thema Berufung überwunden werden kann und wie kirchliche Mitarbeiter wieder motiviert werden können, für das Thema Berufung zu werben." Als ich diese Anfrage erhielt, war ich sofort selbst motiviert. Sie bietet eine gute Gelegenheit, das eigene Leben und zusätzlich das eigene Arbeitsfeld in Ausbildung, Fortbildung und Begleitung zu reflektieren. Aufmerksame Beobachter der gegenwärtigen Stimmung unter dem pastoralen Personal nehmen mit Blick auf die Berufungspastoral in recht großer Übereinstimmung eine eigentümliche Verhaltenheit oder Reserviertheit wahr. Auf der Suche nach den Gründen könnte der Blick jedoch in die falsche Richtung gehen. Dann hätten sich für die Fragestellung bereits einige Fallen aufgetan. Erste Falle: Ist es tatsächlich sachgerecht, davon auszugehen, dass kirchliche MitarbeiterInnen von dem Anliegen der Berufungspastoral aktiv abgewandt haben? Zweite Falle: Gibt es bei kirchlichen MitarbeiterInnen wirklich Widerstände gegen das Thema Berufung? Dritte Falle: Müssen und können kirchliche MitarbeiterInnen überhaupt wieder direkt motiviert werden, für das Thema Berufung zu werben?
2. Abschied von den Mangelmotiven: Wachstumsförderung Für das Gelingen von Berufungspastoral scheinen mir auf dem Hintergrund der Theorie und Praxis der Bildung und Begleitung von Menschen folgende Voraussetzungen grundsätzlich wichtig zu sein: Zum einen mit Blick auf alle Beteiligten nicht mit "Mangelmotiven" oder gar "Schuldhypothesen" zu operieren. So gelingt Motivation niemals. Demotivation wird gemacht. Und Motivation wird nicht antrainiert. Eine direkte Einflussnahme auf die Motivation zur Werbung für das Thema Berufung hat nur wenig Aussicht auf Erfolg. Zum anderen: Die Motivation für eine "Berufungspastoral nach innen" darf nicht selbst ein "Mangelmotiv" sein. Berufungspastoral darf nicht geboren werden als "Berufewerben" für Menschen, die in den Pastoralplänen und anderswo Mittel zum Zweck sind: um fertige Berufsbilder (Pfarrer, PastoralreferentIn, GemeindereferentIn usw.) mit Personen zu füllen. Ich selber mache in diesem Beitrag mit Blick auf die gegenwärtigen MitarbeiterInnen in den pastoralen Berufen – empirisch begründbar – positive Vorannahmen. Erstens: Ich schließe eine bewusste Abwendung von der Berufungspastoral aus. Zweitens: Ich glaube nicht an ei-nen aktiven Widerstand gegen das Anliegen der Berufungspastoral. Drittens: Motivation zur Werbung für die eigene Lebensform braucht Wachstumsräume und Wachstumsförderung. Worum geht es dann? Um eine Kenntnis und eine wachstumsfördernde Veränderung der Einflussgrößen, die für die Weitergabe der eigenen Motivation an die nächste Generation ent-scheidend sind: entweder als hemmende oder als fördernde Faktoren. Diesen Faktoren soll im Folgenden nachgegangen werden.
3. Zufriedenheit als zentraler Werbefaktor Vor einigen Jahren haben wir in einer repräsentativen Umfrage in unserer Diözese die Priester nach ihrer Zufriedenheit mit ihrem priesterlichen Weg befragt. Auf einer Schätzskala zwi-schen 0 und 10 lagt der ermittelte Zufriedenheitswert bei 7,8. Ein erstaunlicher Wert – der nicht selten ungläubig bestaunt, ja so gar aktiv in Zweifel gezogen wurde! Die hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Priestersein wurde dann übrigens in der großen Studie "Priester 2000" von Paul M. Zulehner bestätigt. Zusätzlich haben wir dem Presbyterium die folgende offene Aussage zur Beantwortung vorgelegt: "Wenn mich jemand fragt, ob er Priester werden soll, würde ich ihm sagen…". Aus den verschiedenen Antworten haben wir einen Schätzwert der "Weitergabe der Motivation zum Priestersein" abgeleitet, der ausgespannt war zwischen "dezidiert abraten (0) " und "begeistert zuraten (10)". Der erhaltene Mittelwert lag bei 6,5, also zwischen "zurückhaltend einladen" und "schwach wohlwollend einladen". Der erhaltene Wert war bei näherem Hinsehen stark geprägt von der eigenen Zufriedenheit: Bei großer eigener Zufriedenheit (8-10) wird die Zufriedenheit zum "Werbefaktor" ("sehr wohlwollend einladen"), bei geringerer eigener Zufriedenheit (unter 8) nähert er sich einem "Gleichgültig-keitsfaktor" ("neutral zur Prüfung anbieten"). Das bedeutet: Schlüsselfaktor für das Anliegen der Weitergabe der eigenen Berufung ist somit offensichtlich die eigene Zufriedenheit: Wenn sie hoch ist (und dies war bei 2 Dritteln der Befragten der Fall), dann ist eine wesentliche Voraussetzung für eine "werbewirksame" Öffentlichkeitsarbeit gegeben.
4. Schlüsselpersonen und attraktives Glaubensleben als Werbefaktoren In derselben Studie haben wir auch die Frage gestellt, was die entscheidenden Beweggründe beim Entschluss zum eigenen Priesterwerden waren. Die Antwort war so eindeutig wie an keiner anderen Stelle: Entscheidende "Attraktoren", also Anziehungsfaktoren für die Motivation für den Weg zum Priestersein, sind "attraktive" Priester, also Menschen, die in ihrer Zufriedenheit zum Anziehungspunkt werden für die Motivationen der nachfolgenden Generati-on. Werbung geschieht also vornehmlich über Modelle, ganz einfach: Vorbilder – nicht über Werbeprogramme. Als ein zweiter wesentlicher Beweggrund für den Weg zum Priester erweisen sich attraktive Formen, den Glauben zu leben: die Erfahrung von Gemeinde und die sich darin zeigenden Visionen und Ziele priesterlicher Existenz. Das zweite Standbein der Werbung ist somit die Anziehungskraft des Christseins selbst, wie es in Gemeinschaft Gestalt annimmt und so zum Ziel wird: Das möchte ich auch für mich!
5. Schlüsselfaktor: Schlüsselpersonen mit gelingendem Leben Prägnant zusammengefasst heißt das: Der Schlüsselfaktor für die Berufungspastoral sind Schlüsselpersonen, die aufgrund des erlebten Gelingens ihres eigenen Berufungsweges das Anliegen der Berufungspastoral als Lebensprogramm haben. Sie brauchen gar nicht motiviert zu werden, denn sie strahlen es aus, sind "ansprechende Ansprechpartner", die von ihrem Lebensentwurf so überzeugt sind, dass sie ihn automatisch in der Begegnung mit anderen in Spiel und ins Gespräch bringen. Andersherum heißt das aber auch: Wer selbst nicht zufrieden ist, hat leider nur wenig Anziehungskraft. Denn Reserviertheit gegenüber dem eigenen Weg oder gar Resignation können niemals durch externe Motivationsfaktoren überspielt werden. Man kann niemanden, weder Unmotivierte noch Motivierte, von außen dazu bringen, für Be-rufung zu werben. Sie tun es "von selbst" (automatisch) - oder tun es nicht. Wenn dieses Ergebnis überzeugt, dann ergeben sich daraus schon weitreichende praktische Konsequenzen: Öffentlichkeitsarbeit für das Anliegen der Berufungspastoral nach innen wird sich dezidiert und stärker als bisher darum bemühen (müssen), a) so weit wie möglich die Hemmungsfaktoren für Zufriedenheit zu vermindern, b) so weit wie möglich die Förderungsfaktoren für die Zufriedenheit zu stärken. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Zufriedenheit ist nur die "äußere Messgröße" für die zentrale innere Erfahrung von der Stimmigkeit oder dem Gelingen des eigenen Weges. In der Konsequenz bedeutet das: Entscheidend für die Öffentlichkeitsarbeit nach Innen ist vor allem "Werben für die Werbung" der praktische Einsatz dafür, dass die Priester und die Mit-arbeiterInnen im pastoralen Dienst ihren Weg und ihren Alltag als stimmig und erfüllend erleben. Das "Pastorale Personal" ist nicht zuerst dafür da, dass die Pastoral funktioniert (und sich daher anstrengen, dass es genügend NachfolgerInnen gibt), sondern sie sind auf ihrem persönlichen Weg, weil Gott selbst sie dazu beruft, auf dem Weg des Einsatzes für die Seelsorge selbst heil und glücklich zu werden und Erfüllung zu finden. Daraus ergibt sich für die Berufungspastoral eine große Herausforderung: ihren Einfluss wahrzunehmen, dass die Schlüsselpersonen der Berufungspastoral vor allem Stimmigkeit und Gelingen erleben können.
6. Pastoraler Wandel, Berufsmotivation und Ausstrahlungskraft Seit einiger Zeit bewegt mich die Frage: Wie ist es erklärbar, dass an sich mit der eigenen Lebensform zufriedene Menschen offensichtlich so verhalten für ihre eigene Lebensform werben? Wenn der Grund dafür offensichtlich nicht in einer tiefgründigen Unstimmigkeit der eigenen Berufung liegt, dann müssen die Ursachen wohl eher in Unstimmigkeiten in gegenwärtigen motivational bedeutsamen Bedingungen des Lebens zu suchen sein. Im Rahmen der Fortbildung des gesamten pastoralen Personals der Erzdiözese Paderborn haben wir in den vergangenen beiden Jahren repräsentativ zu erheben versucht, wo unsere Priester und Laien im pastoralen Dienst die Schwierigkeiten und Chancen für ihr Leben (und damit für die Realisierung ihrer Berufung) sehen. Die Ergebnisse sind in keiner Weise überraschend; sie decken sich mit den Erfahrungen, die zur Zeit überall in der Kirche im deutschsprachigen Raum gemacht werden. Tatsächlich wird der Möglichkeitsraum zur Realisierung der eigenen Berufung in der gegen-wärtigen Zeit von vielen als fundamental bedroht erlebt. Die Quellen der erlebten Bedrohung werden in drei existentiell bedeutsamen Dimensionen lokalisiert: a) in der Bedrohung der Stimmigkeit der Organisation, für die sie stehen, b) in der Bedrohung der Stimmigkeit des pastoralen Handelns, das sie gelernt und verinnerlicht haben, c) in der Bedrohung der Lebens-entwürfe und Alltagsroutinen, die sie angestrebt haben und die ihnen zur Gewohnheit gewor-den sind. Zu a) Werbend wirksam für die eigene Organisation eintreten wird nur, wer von der eigenen Organisation und ihrer Wirksamkeit überzeugt ist. Im realen Alltag erleben wir jedoch, dass unsere Kirche bei uns in der gegenwärtigen Erscheinungsform im Sinne menschlichen Tuns "erfolglos" ist. Zwar wissen alle, dass innerweltlicher Erfolg nicht der Maßstab für die Kirche ist. Aber motivational bedeutsam ist diese Realitätskonfrontation offensichtlich trotzdem. Vereinfacht gesagt: Viele von uns haben Schwierigkeiten, mit Kraft und Überzeugung für eine Organisation zu werben, deren gegenwärtige innerweltliche Erfolglosigkeit in der eige-nen Alltagserfahrung evident ist und in der medialen Öffentlichkeit permanent wahrgenom-men und diskutiert wird. Zu b) Werbend wirksam für den eigenen Beruf eintreten wird nur, wer das eigene Handeln als stimmig erlebt. Im pastoralen Alltag jedoch ist zurzeit so vieles im Umbruch, dass sich viele von uns fragen: Was mache ich da eigentlich? Wie kann ich es überhaupt richtig machen? Was wird in Zukunft richtig sein? Die meisten pastoralen Alltagsabläufe sind durch den ge-sellschaftlichen Wandel, durch die demographischen Veränderungen, durch die finanziellen Konsequenzen, durch den Strukturumbau und durch den altersbedingten Verlust vieler Mit-brüder und die Einstellungsstopps für KollegInnen gegenwärtig zur Disposition gestellt. Das bedeutet: Wer sich nicht sicher ist, was er selber zu tun hat, wird es schwer haben, jemand anderes einzuladen und zu sagen: Mach es doch so wie ich! Zu c) Werbend wirksam für die eigene Lebensform eintreten wird nur, wer seine realen All-tagsabläufe vom Aufstehen am Morgen bis zum Schlafengehen am Abend als "schön" und gelingend erlebt. Gerade hier jedoch setzen viele von uns große Fragezeichen. Viele sagen: So wie ich im Moment lebe, ist es eigentlich bei weitem nicht so schön, wie ich es mir gedacht hatte oder es eigentlich sein könnte! Viele erleben eine deutliche Arbeitsverdichtung, verzichten auf Gebet zugunsten von Arbeit, tauschen die ursprünglich erhofften geistlich-pastoral ansprechenden Kreativräume mit den harten Arbeitsfeldern von additiver Pastoral, pastoraler Umorganisation und Mehrfach-Administration und fragen sich: Möchte ich eigentlich so weiter machen? Und da die Antwort häufig negativ ausfällt, werden sich viele auch nicht trauen, einem Interessenten für einen geistlichen Weg bzw. einen Weg in der Seelsorge zu sagen: Komm und sieh! Lebe doch einmal eine Zeitlang zusammen mit mir!
7. Plädoyer für eine Selbstentlastung und eine neue Freiheit der Berufungspastoral Wenn es nun Gott selbst ist, der unsere Verhältnisse gründlich aufmischt, um uns auf Neuland zu führen (Bonifatius-Hirtenbrief), verbirgt sich in der gegenwärtigen Situation eine große Chance: Zunächst würde die Berufungspastoral erkennen, dass sie sich selbst entlasten dürfte von der Vorstellung, eine Motivationsarbeit leisten zu müssen, die sie angesichts der Realität und von der Sache her gar nicht leisten kann und soll: Gemeint ist der (Selbst-) Auftrag, die Priester und die anderen MitarbeiterInnen in der Pastoral irgendwie dazu bringen zu müssen, für den eigenen Nachwuchs zu sorgen. Wer Berufungswege begleitet, weiß schon lange: Gott wirkt und "erschafft" sich seine Berufungen selbst. Wir Menschen tragen bei zu Lebensräumen, in denen sie wachsen können. Motivierte Menschen strahlen von selber aus und werden zu Anziehungspunkten für Menschen, die nach ihrer Berufung suchen. Dabei wird es vermutlich wichtig sein, den Blick der Berufungspastoral zu entgrenzen und von alten Leitbildern zu befreien. Die gegenwärtige pastorale Situation lernt die Grundberufung zum Christsein zu schätzen und zu fördern. Dazu passt, dass der pastorale Wandel die Bedeutung der klassischen kleinen Pfarrgemeinde relativiert. Berufungspastoral nach innen wird sich für die Jugendkirchen, die Schulen und Universitäten, die geistlichen Zentren und Orte diakonischen Handelns interessieren und dort präsent sein. So würde dann eine Berufungspastoral nach innen von neuem dort ansetzen, wo ihr Kernge-schäft ist: 1. die gegenwärtig gelebten Berufungswege zu begleiten, damit sie neue Kraft bekommen und damit selber Zukunft haben und 2. den MitarbeiterInnen in der Pastoral dabei zu helfen, selber zum attraktiven Anziehungspunkt zu werden und Stützpunkte und Kraftzentren zur Begleitung anderer auf ihrem Weg zu bilden. Die gegenwärtige gesellschaftliche und kirchliche Situation entlastet die Berufungspastoral von dem Auftrag zur Rekrutierung von Personal (weil es so nicht geht!). Und sie befreit die Berufungspastoral zu dem, was sie wirklich kann: Lebensräume des Wachsens von Berufung zu schaffen und zu sichern – und Menschen auf dem Weg in die Berufung und in der Berufung zu begleiten. Vielleicht könnte man es auch so sagen: Berufungspastoral nach innen ist gewissermaßen die innere, die geistlich-theologische Seite der Personalentwicklung und Organisationsentwicklung. Der Ruf der Priester und Laien im Pastoralen Dienst – offen oder zwischen den Zeilen – nach Unterstützung auf ihrem geistlichen und pastoralen Weg wird immer deutlicher ver-nehmbar. Die große Sehnsucht lautet: Ich möchte wieder geistlich werden!
8. Berufungspastoral nach innen: Schritte, die den Unterschied machen Eine Berufungspastoral, die zusätzlichen Druck macht, braucht es nicht. Es braucht eine Be-rufungspastoral, die willkommen ist, weil sie sich einklinkt in die bestehenden Anliegen, die Suchbewegungen und den geistlichen Hunger. Zum Schluss seien daher zehn Handlungsorientierungen angeboten, einige Ansatzpunkte, an denen die Berufungspastoral für die Träger und Trägerinnen der pastoralen Arbeit auf ihrem Berufungsweg m. E. als Unterstützerin und Begleiterin angenehm und hilfreich wäre: 1. Die pastoralen Strukturen sind in einem unaufhaltsamen Wandel. Willkommen wäre eine Berufungspastoral, die sich bereits in der Planung der Strukturen engagiert: damit sich die Einsicht durchsetzt, dass eine Balance gefunden werden muss zwischen dem Anspruch der Gläubigen auf seelsorgliche Versorgung (im guten Sinne!) und dem Anspruch der dort Tätigen auf Gestaltungsspielraum und Freude am Tun. Bei ihrem Einsatz für Berufungen brauchte die Berufungspastoral nach innen dabei einen freien Blick: einen Blick, der Berufungspastoral nicht eingeengt sieht auf Priesterberufungen und die gegenwärtig praktizierten Sozialformen des Priesterseins. Es könnte sein, dass Gott uns zurzeit neue Berufungen schenkt: bei Menschen, die wir noch nicht im Blick haben, und an Orten, wo wir noch nicht suchen. 2. Jede Berufung braucht Visionen des Gelingens. Angesichts des pastoralen Wandels sind solche Bilder des Gelingens selten. Willkommen wäre eine Berufungspastoral, die sich mit den Gläubigen und ihren Seelsorgern auf Entdeckungsreise begibt, Experimente ermöglicht, Fehlerfreundlichkeit zusichert und vor allem: Visionen miteinander teilt und ins Gespräch bringt. 3. Wer seine Berufung lebt, braucht immer wieder das Erleben: So kann es gehen! Willkom-men wäre eine Berufungspastoral, die den in der Seelsorge Tätigen Erfahrungen des Gelin-gens ermöglicht und diese Erfahrungen miteinander in den Austausch bringt. Der gegenwärti-ge Wandel lässt die Erfahrungen des Gelingens aus dem Blickpunkt der Aufmerksamkeit heraustreten. Es gibt zahlreiche Seelsorger und Seelsorgerinnen, deren Gestaltungskompetenz beispielhaft ist, die Menschen neu um sich sammeln. Diese sollten die Chance erhalten, ihre Erfahrungen fruchtbar weiter zu geben. Berufungspastoral nach innen könnte die Gelegenheit bieten, die Erfahrungen des Gelingens miteinander zu teilen. 4. Berufungspastoral vor Ort braucht sehr große Zeitressourcen. Willkommen wäre eine Beru-fungspastoral, die in den neuen pastoralen Konzepten jene Zeitkontingente strukturell verankert, die dafür notwendig sind. Wer Ansprechpartner sein soll, dem muss man begegnen können, der muss viel Zeit mitbringen können: vor allem auch jene Art von freier Energie, die für die Anbahnung und Begleitung von Berufungswegen nötig ist. 5. Wer heute in der Seelsorge in der je eigenen Berufung mit vollem Einsatz arbeitet, riskiert unter dem Druck der Verhältnisse häufig die Zeiten und Ressourcen für sein eigenes Geistli-ches Leben, für das er oder sie angetreten war. Willkommen wäre eine Berufungspastoral, die jede Art von gesunder geistlicher Verwurzelung auch gegen Widerstand unterstützt – und neu das Beten lehrt. Attraktiv für den postmodernen Menschen sind nicht Kirchenfunktionäre, sondern geistliche Menschen. Und viele Geistliche sehnen sich danach, selber wieder geistli-cher zu werden, um die Glut unter der Asche wieder zu entfachen. Dabei brauchen sie Unter-stützung. 6. Zu jedem Berufungsweg gehört eine Lebenskultur, die das Gelingen des Lebens erst mög-lich macht. Willkommen wäre eine Berufungspastoral, die man salutogenetisch nennen könnte. Gemeint ist damit eine Lebenskultur, die sich an der Heilsdynamik des Menschen und der Förderung seiner Charismen orientiert. Viele Priester und Mitarbeiterinnen beklagen sehr, dass man sich erst für ihre Lebenskultur und ihre Bedürfnisse interessiert, wenn ihr Weg zu scheitern droht oder sie dem Bischof in der Öffentlichkeit Schwierigkeiten machen. Berufungspastoral nach innen könnte ein Anwalt sein für die Entfaltung der Berufung zum Menschsein innerhalb des Berufs. 7. Berufungen überleben niemals "allein", sie sind auch niemals attraktiv. Willkommen wäre eine Berufungspastoral, die sich aktiv einsetzt gegen die Prozesse der Vereinzelung. Dies gilt besonders angesichts der Ausdünnung des Netzes der Priester und der Zunahme der Distanzen zum nächsten Mitbruder und zur nächsten Kollegin. Es braucht einen besonderen Einsatz für neue Gemeinschaftsbildungen, neue Wohnformen, bis hin zu differenzierten Formen des Zusammenlebens von Menschen im Dienst der Seelsorge in geistlichen Zentren. Es gibt viele empirische Belege dafür, dass Berufungswege in Gemeinschaft zu einer größeren Lebenszufriedenheit führen und langfristig stabiler sind. Deutlich gesagt: Besser für die Zukunft von Berufungswegen ist die Planung und Begleitung eines Netzes von Zentren als eine gleichmäßige Verteilung in der Fläche (selbst wenn dies – kurzsichtig – eine leichtere "pastorale Vor-sorgung" ermöglichen würde). 8. Berufungen werden attraktiv, wenn man sie im Mitgehen erleben kann. Willkommen wäre eine Berufungspastoral, die sich dafür einsetzt, Priester und Laien in der Pastoral neu in die Nähe zu bringen und konkret präsent zu machen. Die manchmal auch dabei hilft, sich aus der "Versponnenheit in sich selbst" und aus der "Versponnenheit in die Amtsstuben" zu befreien. Dazu gehört auch ein Überdenken der Ausbildungskonzepte, die falsche Individualismen und Rückzug aus Kommunikationsprozessen fördern. Es würde einen großen Schritt in die Zu-kunft bedeuten, wenn Priester, GemeindereferentInnen und PastoralassistentInnen wirklich aus sich heraus Freude daran hätten, sich in ihrem Alltag "in die Karten schauen zu lassen", bei sich wohnen zu lassen, einen Praktikanten zu haben, der fragt: Warum lebst Du so? und: Warum tust Du das? 9. Berufungen wachsen auf dem Weg der Übung. Willkommen wäre eine Berufungspastoral, die neue Wege der Askese lehrt. Eingeübt werden muss ein Lebensstil, der fähig ist, auf "die Fleischtöpfe Ägyptens" zu verzichten – gemeint ist in diesem Fall der Abschied von der Ära des Überflusses in den vergangenen 50 Jahren. Berufungspastoral nach innen bedeutet Beglei-tung auf dem Einübungsweg in eine neue Armut der Pastoral, die sich nicht aus einer auf die Dauer träge machenden Überfülle der materiellen und personellen Ressourcen speist, sondern sich auf die Kraft stützt, die von Gott selber kommt. Ein solcher Lebensstil ist attraktiv, denn er führt in die Solidarität mit den Armen (dem Prüfpunkt jeden Berufungsweges) und ist ein Vorentwurf des Weges, den die Kirche bei uns vermutlich in Zukunft gehen wird und gehen muss. 10. Die eigene Berufung ausstrahlen wird nur, wer sich mit demütigem Selbstbewusstsein seiner Sache sicher ist. Willkommen wäre eine Berufungspastoral nach innen, welche die Selbstvergewisserung der Würde, des faszinierenden Auftrags und der verheißenen, doch oft verborgenen Fruchtbarkeit unterstützt. Und zwar dies umso mehr, je deutlicher es wird, dass die gesellschaftlichen und kirchlichen Sicherheiten wegfallen, die signalisieren: Du macht es richtig! Wir schätzen den Weg, den du mit uns und für uns gehst! Männer und Frauen, die ihr Leben in den Dienst des Reiches Gottes stellen, sind heute Exoten. Sie brauchen die ständige Vergewisserung, dass sie zu Recht und mit Selbstbewusstsein mit ihrer Person einstehen dür-fen für die christliche Grunderfahrung: "Wir haben eine Botschaft, für die es in der Welt keine bessere Alternative gibt!"
Prof. Dr. Christoph Jacobs, Lehrstuhl für Pastoralpsychologie und Pastoralsoziologie an der Theologischen Fakultät Paderborn
Weihbischof Dr. Nikolaus Schwerdtfeger: "Berufen zur Freundschaft". Jugendpastoral und Berufungspastoral
1. „Was diese Gesellschaft den Jugendlichen schuldig geblieben ist“ - Ein Bild am Anfang Es ist schon später Abend. Die längst hereingebrochene Dunkelheit ist nur erleuchtet von unzähligen kleinen Lichtern. Oben auf einem Hügel sieht man einen Altar und darauf eine Monstranz mit der heiligen Hostie. Auf dem weiten Feld im Halbrund um den Hügel achthunderttausend junge Menschen. Schweigend verweilen sie vor dem Allerheiligsten. „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten.“ Hier ist es wahr. Dann stimmt der Papst zusammen mit seinem Bischofskollegium den alten Hymnus des Thomas von Aquin an: „Tantum ergo sacramentum“.
Vielleicht haben Sie selbst dieses Bild noch vor Augen. Für mich war diese Lichtfeier mit der eu-charistischen Anbetung auf dem Marienfeld bei Köln jedenfalls der emotional bewegendste Moment des ganzen Weltjugendtages 2005. „Jetzt wissen wir, was diese Gesellschaft den Jugendlichen schuldig geblieben ist“, so hat ein Freund nach der Vigil geäußert. Offenbar sind diese Jugendlichen anders, als die meisten gemeint haben. Viele in unserem Land waren überrascht, dass Hun-derttausende aus aller Welt der Einladung des Papstes zum Weltjugendtag gefolgt sind. Sie waren überrascht über die friedliche Atmosphäre. Sie waren überrascht über die Lebendigkeit dieser jungen Menschen. Sie waren überrascht über die Ernsthaftigkeit, in der sie sich mit dem Glauben aus-einandergesetzt, und über die Freude, mit der sie ihn gefeiert haben.
Die jungen Menschen des Weltjugendtages sind auch eine Protestbewegung. Protest gegenüber denen, die seit 1968 meinen, ein für allemal die Maßstäbe von Jugendlichkeit festgelegt zu haben. Diese Jugend wendet sich neuen Leitbildern zu. Diese Jugend sucht neu nach dem, was ihr Leben wirklich tragen kann. Diese Jugend tastet nach der Mitte, von der wahre Orientierung ausgeht. Der Weltjugendtag ist kein bloßes Event, er ist auch eine Provokation. Das gilt es vor allem in der Kirche selbst anzunehmen. Wir haben uns zu fragen, warum unsere Gemeinden, die doch Glauben und Leben miteinander versöhnen wollten, oft eben doch am Leben vorbeigehen. Wir haben uns zu fragen, warum wir zwar den Glauben ins Menschliche hinein zu übersetzen vermochten, es aber of-fenbar nicht vermocht haben, den Glauben ins Geheimnis hineinzuführen.
Da steht oben auf dem Hügel ein Altar und darauf eine Monstranz mit der heiligen Hostie – und auf dem weiten Feld Schweigen und Anbetung. Und eine Ahnung liegt über dem Ganzen, dass das wirklich Authentische nicht einfach die Übereinstimmung mit sich selbst, sondern mehr noch die Übereinstimmung mit der Wahrheit ist – oder besser: mit dem, der selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.
2. Offenkundiges Desinteresse und offene Sinnsuche. Zur Situation von Jugend, Kirche und Glauben Ich weiß: Das Verhältnis junger Menschen zu Glaube und Kirche lässt sich mit diesem einen Bild vom Weltjugendtag nicht fassen. Die Situation ist viel komplexer. Es ist eine deutliche Ambivalenz festzustellen. Auf der einen Seite gibt es ein offenkundiges Desinteresse großer Teile der jungen Generation an kirchlichen Angeboten, das mit einem Schwund fundamentaler Glaubensüberzeu-gungen gepaart ist. Auf der anderen Seite gibt es eine „offene Sinnsuche“ bei jungen Menschen, eine Sehnsucht nach einem guten und sinnvollen Leben, vielleicht sogar eine wachsende religiöse Neugier. Durchgängig lässt sich wohl sagen, dass die heutige postmoderne Jugendphase unter den Herausforderungen der durchgreifenden Individualisierung unserer Gesellschaft steht und damit neue, spezifische Kompetenzen für die Lebensführung erfordert. „Die meisten Jugendlichen“, sagt die Shell-Jugendstudie 2006, „definieren sich als konstruktive Individualisten.“ Sie suchen unter den Bedingungen von gesellschaftlicher Pluralität und Unsicherheit ihre „eigene Biographie zu planen, tragfähige Lebensentwürfe zu kreieren und trotz ‚riskanter Chancen‘ (H. Keupp) die richti-gen Entscheidungen zu treffen.“
Die gesellschaftliche Individualisierung prägt auch ihr Verhältnis zur Religion. Junge Menschen bauen Glaube und Kirche nicht aufgrund sozialer Konvention in ihr Leben ein, sondern dann, wenn es biographisch passt. Die „Schwäche“ der Kirche beruht dabei vor allem auf einer fundamentalen gesellschaftlichen Veränderung, dass im Gegensatz zu früher nämlich das Individuum den Vorrang vor der Institution bekommen hat. Jugendliche nehmen heute für sich in Anspruch, über ihre Beziehung zur Kirche selbst zu bestimmen, ja ihre Religion selbst zusammenzusetzen.
Wer die vom BDKJ und Misereor gemeinsam in Auftrag gegebene Sinus-Milieustudie U 27 liest, wird ernüchtert, wenn nicht sogar entmutigt im Blick auf die Chancen kirchlicher Jugendarbeit: Sie kommt in den postmodernen Milieus kaum noch vor. Kirche hat oft eher das Image eines Auffangbeckens „für jene, die sonst keinen Anschluss finden, die behäbig und heimatverbunden sind, in biederer Bürgerlichkeit verharren und lokal verhaftet sind – oft dicke, behäbige, langweilige, skurrile, weltfremde Leute.“ Allenfalls nutzen Jugendliche ansprechende kirchliche Angebote, ohne aber eine engere Kirchenbindung einzugehen. Nur wenige sind „praktizierende Katholiken“. Sie sind – ob getauft oder ungetauft – theologisch eher als „Pilger“ zu betrachten, die zuweilen nach Gelegenheiten suchen, unaufdringlich etwas über Gott und die Welt zu erfahren. „Ich bin dann mal weg“ (Hape Kerkeling), mag auch für sie zutreffen.
Die derzeitige Lage ist angespannt, aber nicht hoffnungslos. Die Individualisierung des Religiösen signalisiert ja auch etwas Positives, das es in der kirchlichen Jugendarbeit aufzugreifen gilt, näm-lich die hohe Bedeutung der freien Entscheidung. Diese braucht dabei – so die Shell-Jugendstudie – „so etwas wie einen inneren Kompass“ , um die vielfältigen Herausforderungen zu bewältigen. Überdies sieht die Sinus-Jugendstudie bei aller milieubedingten Differenzierung doch etwas, was alle Jugendlichen verbindet: Das Suchen nach dem Schönen, dem Richtigen und dem Wahren. Wenn schon Kirche, dann möchte man mit ihr „schön“ aussehen, sich also mit ihr bei Gleichaltri-gen „sehen lassen“ können; dann möchte man Angebote finden, die „richtig“ sind, also etwas für das eigene Leben bringen und der persönlichen Lebensgestaltung nützen. Doch erschöpft sich die Suche junger Menschen offenbar nicht im bloß Ästhetischen und Pragmatischen. Der Begriff des „Wahren“ spricht eine Dimension an, die noch darüber hinausgeht. Hat das Bild vom Weltjugend-tag mit dem Allerheiligsten in der Mitte uns vielleicht doch etwas im Blick auf Jugendliche zu sagen?
3. Das Ringen um das eigene Leben unterstützen. Die Grundaufgabe kirchlicher Jugendarbeit Selbst begegne ich Jugendlichen am häufigsten im Zusammenhang der Firmung. Vorher gibt es oft schon ein Treffen: Wie sind Sie dazu gekommen, Priester zu werden?, so werde ich dann fast immer gefragt. Wie geht es Ihnen mit dem Beten? Haben Sie auch manchmal Zweifel? Waren Sie schon einmal verliebt? Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Vereinzelt kommen auch Fragen zum Zölibat oder zur Stellung der Frau in der Kirche. In den letzten Jahren aber sind diese Fragen eher seltener geworden. Anscheinend interessiert Jugendliche etwas anderes stärker: Meine individuelle Biographie und mein persönlicher Glaube. Darin spiegelt sich vermutlich ihre eigene Frage nach einer glückenden Lebensgestaltung wider.
„Das Ringen um das eigene Leben ist zur Kollektiverfahrung der westlichen Welt geworden“ (Ulrich Beck). Grundaufgabe kirchlicher Jugendarbeit muss darum sein: Jugendliche bei ihrem Ringen um das eigene Leben zu unterstützen, ganz besonders die Modernisierungsverlierer/-innen. Hier ist der diakonische Ansatz in der Jugendarbeit bleibend aktuell: Absichtslos jungen Menschen bei-zustehen und sie zu befähigen, dass ihr Leben gelingen kann. In diese Richtung wird uns wohl Pater Sporschill noch führen. Aber auch der Berufungspastoral kommt eine wichtige Rolle zu, insofern sie sich ebenso um die „Ermächtigung zum Leben“ sorgt wie um die „Entdeckung der je eigenen Berufung als Christ in der Kirche“ . In diese Richtung sollen meine weiteren Überlegungen gehen.
4. Was ist mein Ding? Berufung als Wurzel des Glaubens „Wie können wir die Jugendlichen wieder an die Kirche binden?“ Ich staune, wie häufig ich diese Frage bei meinen Pastoralbesuchen höre. Darin drückt sich die verständliche Sorge um ein aktives Gemeindeleben aus. Ich denke jedoch, dass diese Frage viel zu kurz greift. Letztlich schreibt sie die Gemeinde als Vereinswesen fest. Communio und missio – Sammlung und Sendung: mit diesen beiden Begriffen lässt sich die Aufgabe von Kirche beschreiben. In jüngerer Vergangenheit haben wir dabei besonders das Defizit im missionarischen Kirchesein thematisiert. Sowohl Sammlung wie Sendung kommen indes über eine nur binnenkirchliche Gestalt und eine bloße Rekrutierung nicht hinaus, es sei denn, sie erwachsen aus der Berufung. Wenn Jugendliche in der Kirche nur ein Ab-bild biederer Bürgerlichkeit erkennen: Ist das dann der Reflex einer Enttäuschung, authentische Glaubenszeugen in unseren Gemeinden nicht finden zu können? Berufung muss – dafür plädiere ich – zu einem zentralen Anliegen unserer Pastoral werden. In unserem Partnerland Bolivien wird Jugendpastoral übrigens schon lange als pastoral de vocacion verstanden. Die Berufung der Pasto-ral heißt heute: Berufungspastoral – und das ist auch eine Zukunftsaufgabe für die Jugendpastoral.
Das Wort „Berufung“ beziehen wir freilich noch immer meist auf die spezifische Berufung zum Priestertum oder Ordensleben. So wäre sie bloß eine Sache frommer Spezialisten. Ich aber gehe davon aus, „dass die Wurzel des Glaubens das Bewusstsein ist: von Gott gerufen zu sein. Religion besteht in Gottes Ruf und des Menschen Antwort.“ Wenn Jugendpastoral den Glauben wecken und fördern will, muss sie einen mystagogischen Grundzug haben, indem sie hilft, das Geheimnis Gottes wahrzunehmen und aus ihm zu leben. Gerade auf diese Weise nimmt sie ernst, was doch heute eminente Bedeutung für die junge Generation hat: die individuelle Konstruktion des eigenen Lebens – und bietet dabei zugleich den Ruf Gottes als „inneren Kompass“ an.
Berufung ist keine Sache für wenige Auserwählte. Die ganze Hl. Schrift sagt uns, dass am Anfang unseres Daseins nicht der Zufall steht, auch nicht nur der Wille unserer Eltern, sondern Gott selbst: „Ich habe dich beim Namen gerufen“ (Jes 43,1). Mensch sein heißt: ins Leben gerufen sein. Wenn das wahr ist, finden wir unsere Identität nicht allein in und aus uns selbst heraus. Unsere wirkliche Identität wächst uns erst in Begegnung zu. Ja, wir sind sogar in eine persönliche Beziehung zum menschgewordenen Gott selbst gerufen. „Ich stehe vor der Tür und klopfe an“, heißt es in einem Christuswort im letzten Buch der Bibel: „Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3,20). Hier ist das ganze Evangelium in einem Wort zusammengefasst. Jesus Christus macht sich immer wieder auf die Suche nach uns, wie Frère Roger nicht müde wurde zu betonen. Aber er drängt sich nicht auf. Er steht wie ein Armer vor der Tür unseres Herzens – und bisweilen auch leibhaftig in der Gestalt eines Armen vor der Tür unseres Hauses. An uns ist es, aufzutun oder zu zögern. Das gemeinsame Mahl ist in der Bibel ein Bild der Gemeinschaft. Für alle, die sich Christus öffnen, wird diese Ge-meinschaft Wirklichkeit. In der persönlichen Verbundenheit mit ihm und mit allen anderen, die auf seinen Ruf Antwort geben, finden wir unsere wirkliche Identität. Christsein heißt: Zur Freundschaft mit Jesus Christus berufen sein. Kardinal Walter Kasper sagt: „Neuevangelisierung ist primär Ein-führung in die Freundschaft mit Jesus.“
Wer in diese Freundschaft hineinwächst, wird schließlich auch dahin kommen, dieses Geschenk nicht für sich zu behalten. „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und ge-hört haben“, heißt es in der Apostelgeschichte (4,20). Berufung führt zum großmütigen Einsatz, zur Sendung und zum Zeugnisgeben. So wird Kirche als communio und missio aufgebaut. Als Papst Benedikt am 24. April 2005 in sein neues Amt eingeführt wurde, wandte er sich ausdrücklich an die jungen Menschen in aller Welt und sagte: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken.“ Hier ist Berufungspastoral wie in einer SMS zusammengefasst.
Der dreifache Ruf zum Menschsein, zum Christsein und zum Zeugesein mag vielleicht zu abgeho-ben von der Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher erscheinen. Dennoch meine ich, dass dies alles gar nicht so weit von ihnen entfernt ist. Ich war mit einer Firmgruppe in Hannover zusammen. Eine Siebzehnjährige erzählte dabei von einem Besuch im Kloster und sagte von dem Mönch, dem sie dort begegnet waren: „Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so im Frieden war.“ „Warum meinst du“, fragte ich sie zurück, „dass dieser Mönch so im Frieden war?“ Sie antwortete ohne zu zögern: „Weil er seine Berufung gefunden hatte.“ Berufung: dieses Wort mag für viele eher fremd sein. Manchmal kann man indes bei einem Jugendlichen hören: „Ich habe entdeckt, dass das mein Ding ist.“ Das kommt sehr unbestimmt daher und ist doch nicht oberflächlich gemeint. Wer entdeckt, was ‚sein Ding‘ ist, hat etwas gefunden, wie er sein Leben sinnvoll gestalten kann; etwas, das nicht nur Spaß macht, sondern ihn wirklich „anspricht“ und „ausfüllt“. Es ist ein Schritt auf dem Weg dahin, dass das Ding meines Lebens am Ende nicht nur eine Sache, sondern eine Person ist, die mich vor eine Entscheidung stellt und in eine Beziehung hinein nehmen will, in der mir nichts genommen, vielmehr alles gegeben wird. Unsere christliche Tradition hat dabei übrigens im Exerzitienbüchlein des hl. Ignatius von Loyola so etwas wie eine höchst geeignete „Grammatik“, um die Klopfzeichen Jesu zu dechiffrieren und eine gute Wahl zu treffen.
5. Lebst du nur oder glaubst du schon? Die Berufungspastoral als vielgestaltige Aufgabe betrachten Gewiss: Es bleibt ein schwieriges Unterfangen, heute junge Menschen für Kirche und Glauben zu begeistern. Aber es gibt doch verheißungsvolle Versuche. Die katholische Jugendstelle Cham im Bistum Regensburg etwa hat das log!-Projekt ins Leben gerufen. Log! das heißt: Lebst du nur oder glaubst du schon? Es ist ein Projekt, das die Lebenskompetenz von Jugendlichen stärken und sie mit dem Glauben konfrontieren will. Ein ganzes Schuljahr lang, von September 2007 bis Sommer 2008, haben sich fast 40 Partner mit über 90 Jugendgruppen und mehr als 2.500 Jugendlichen im Landkreis Cham an diesem Pilotprojekt beteiligt.
Doch wir müssen gar nicht anderswo suchen. Auch bei uns im Bistum gibt es eine Reihe von Initia-tiven und Projekten. Ich kann hier nur wenige nennen: Seit über zwanzig Jahren ist die Chrisammesse der größte Jugendgottesdienst unseres Bistums und lässt viele im Glauben gestärkt wieder in ihre Diasporasituation zurückfahren. Fast genau so lange kommen Jugendliche zum Friedensgrund in einem osteuropäischen Land zusammen und verbinden dabei Gebet und Arbeit. Ein kleines Team lädt immer wieder zu einer Nacht der Versöhnung an verschiedenen Orten unseres Bistums ein. Bei Firmvorbereitungen im Geist der Gemeinschaft von S. Egidio üben Jugendliche die Freundschaft mit alten Menschen oder benachteiligten Kindern ein und treffen sich ebenso treu und regelmäßig zum gemeinsamen Gebet. Bei anderen Firmkursen entdecken Firmbewerber in einer Lebenswoche jeden Abend, welche Kraft von der Stille eines Kirchenraums ausgehen kann. Im Christlichen Orientierungsjahr eröffnet sich jungen Menschen ein gemeinsamer Weg, ihr Christsein zu vertiefen. In einem freiwilligen Jahr in Bolivien lernen einzelne eine Schule für das Leben kennen, die zur Solidarität und zu der Bereitschaft erzieht, nicht einfach etwas, sondern sich selbst zu geben. Bei der Jugendvesper im Kloster Marienrode erleben von weither angereiste junge Men-schen die Schönheit der Liturgie. Und von Herbst 2009 bis Sommer 2010 können Jugendliche bei der jeweils zehntägigen Aktion HotSpots – Spirit and life in allen Dekanaten unseres Bistums sich in das Netzwerk des Glaubens „einwählen“.
Viele Wege führen nach Rom. Auch der Weg zur Berufung ist häufig ein Pilgerweg mit verschie-denen Stationen und einem breit gefächerten Angebot. Wir haben in den letzten Jahren manches ausprobiert, was den „inneren Kompass“ zu entdecken hilft und herausfinden lässt, „was mein Ding ist“. Wichtig ist, dass wir die verschiedenen Weisen der Jugendpastoral nicht gegeneinander aus-spielen, wohl aber immer wieder uns fragen, ob sie die mit der „Berufung“ angezielte Mitte wirklich im Blick haben.
Dabei muss auch die Ästhetik der Jugendpastoral auf diese Mitte hinführen. Kirche wirkt auf Ju-gendliche oft eher peinlich. Warum aber ist die Kirche in Taizé voller Jugendlicher? Und wie kommt es, dass die Vigilfeier beim Weltjugendtag in Köln so bewegend war? Viele Elemente tragen dazu bei, dass aus einem Gottesdienst eine mystagogische Liturgie werden kann: Die Sorgfalt in der Gestaltung des Ortes, die Einstimmung auf den Gottesdienst, Musik, die das Herz berührt und ins Gebet führt, die Sprache der Verkündigung und der Vollzug der Riten, der Vorrang einer „epiphanen Symbolik“ vor einer bloß „illustrativen Symbolik“ , Zeiten der Stille, aber auch die vorher geteilten Erfahrungen auf dem Weg und auf jeden Fall andere Menschen, die ihren Glauben authentisch leben. In einer Gruppe aus unserem Bistum fiel einer nichtkatholischen Teilnehmerin bei dieser Vigilfeier auf: „Der Spanier da neben uns hat die ganze Zeit gekniet!“ Gekniet vor dem Allerheiligsten oben auf dem Hügel – und gerade dies ist vor allem anderen entscheidend: ausge-richtet zu sein auf eine lebendige Mitte. Erst sie lässt wirklich Gemeinschaft entstehen, die man auch vor anderen nicht mehr zu verschweigen braucht.
6. Kommt und seht. Berufungspastoral im Geiste Jesu (Joh 1,35-51) Unser Jugendbischof Franz-Josef Bode hat in seinem Bistum Osnabrück eine Briefaktion für Jugendliche durchgeführt. Durch die einladende Frage: „Mensch – wie lebst du?“ antworteten einige hundert Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren darauf, überwiegend handschriftlich. Zweierlei wurde dabei deutlich: Es ist keineswegs so, dass junge Menschen Fragen nach dem Sinn ihres Lebens, nach der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen, nach Gott, Gebet und Glaube oder nach Krankheit und Tod nicht mehr stellen. Andererseits wurde ersichtlich: Vielen jungen Men-schen fehlen Orte und Personen, wo sie ihre Fragen und Gedanken äußern können. Berufungspastoral braucht Zeugen des Glaubens. Das eigentliche Problem für die Glaubensvermittlung stellen heute „nicht so sehr die Heranwachsenden, sondern vielmehr die Erwachsenen dar. Wenn diese nicht zu einem mündigen Glauben gefunden haben und ihn so gut wie möglich vorleben, dann werden auch die Kinder und Jugendlichen von seiner Sinnhaftigkeit nur schwer überzeugt werden können.“ An der Berufung der ersten Jünger, so wie sie das Johannesevangelium (Joh 1,35-51) berichtet, lassen sich wichtige Elemente einer Berufungspastoral ablesen. Ich möchte darum zum Schluss noch einen Blick auf dieses Evangelium werfen.
Das erste Wort Jesu im Johannesevangelium ist bekanntlich eine Frage. Als die beiden jungen Leute, die der Täufer auf Jesus hinweist, hinter ihm hergehen, „wandte sich Jesus um und fragte sie: Was sucht ihr?“ (1,38) Wenn Jesus fragt, geht es ihm nicht um eine Information. Es ist ein Fragen, „das den Menschen zu sich selbst führen will!“ „Was sucht ihr?“ ist offenbar die Grundfrage auf dem Weg zu gelingendem Leben. Junge Menschen geben darauf oft ihre eigenen Antworten, „und diese Antworten sind gar nicht so schlecht: Genau besehen, können wir vielleicht manches davon lernen: Gelassen sein, staunen können, Vertrauen haben, optimistisch bleiben, sich von etwas betreffen und begeistern lassen, im guten Sinn träumen und auch etwas von diesen Träumen le-ben…“ Jesu Frage eröffnet einen Dialog auf Augenhöhe. Er will ernst nehmen, was die beiden bewegt. Berufungspastoral muss zum Fragen und Hören bereit sein, damit sie anschlussfähig bleibt. „Es darf nicht zu schnell das ‚Ja, aber‘ kommen. Vielmehr gilt es erst einmal das Gute, Lebendige, Menschliche und Leben Zugewandte zu erkennen und zu schätzen, das heute bereits von jungen Menschen gelebt wird.“
Die beiden jungen Leute können auf die Frage nach ihrer Sehnsucht zunächst nur eine etwas verlegene Gegenfrage stellen: „Rabbi, wo wohnst du?“ Klingt darin ihr Wunsch an, selbst ein Zuhause zu finden? Jedenfalls lädt Jesus sie ein, mit ihm zu gehen: „Kommt und seht!“ (1,39) Es ist eine Einladung zum Ausprobieren, zum Lernen durch eigene Erfahrung – in aller Freiheit. „Junge Menschen müssen Kirche und Gemeinde als Orte echter Beheimatung erfahren, in denen sie willkommen sind mit ihren Fragen, ihrem Lebensstil, ihren Besonderheiten und Vorlieben. Bevor man von ihnen Verbindlichkeit verlangt, müssen sie die Erfahrung echter Verbundenheit machen können. Bevor man einen Anspruch äußert, muss man selber auch ansprechbar sein.“
Im Evangelium fällt an diesem Punkt eine erste Entscheidung: Die beiden jungen Leute folgen der Einladung Jesu, „und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm“ (1,39). So fangen sie an zu entdecken, wo er selbst beheimatet und verwurzelt ist. In diesem geschützten Raum geschieht womöglich auch bereits das, was Jesus später immer wieder tut: Er erzählt Gleichnisse des Alltags, greift die großen Überlieferungen auf und deutet das Geheimnis des Daseins, bis ihnen an Ostern die Augen aufgehen und sie mit brennendem Herzen selber Zeugen werden. Sofort mit der ersten Begegnung aber beginnt schon das Weitersagen: Andreas spricht den Simon an, Philippus den Natanael.
Doch es ergibt sich dabei auch das, was wir oft erfahren: Desinteresse. Als Philippus den Natanael auf Jesus hinweist, kommt erst einmal ein Abwinken: „Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen?“ (1,46) Natanael kann sich nicht vorstellen, dass dieser Mann aus Nazaret etwas für sein Leben bedeuten könnte. Jesus aber zieht sich nicht enttäuscht zurück, sondern sieht sogar das Positive in dieser Abwehrreaktion: „Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit“ (1,47). Wenn die meisten Jugendlichen heute mit der Wirklichkeit unserer Gemeinden herzlich wenig an-fangen können und den Sonntagsgottesdienst als langweilig ablehnen: Könnte das nicht vielleicht auch ein wahres Zeichen der Zeit sein, auf das wir zu achten haben? Eine Anfrage nämlich an uns, wie wir Kirche wieder so gestalten können, dass sie lebendig ist und neu Hinzukommende ausrufen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ (1 Kor 14,25)? Jedenfalls ist gerade jungen Menschen gegenüber Weite und Großzügigkeit nötig, die auch Ablehnung aushält und das Echte in ihnen wahrnimmt.
Die Suche nach authentischem Leben führt bei den ersten Jüngern zur Begegnung mit dem, der wie keiner sonst sagen kann: Ich bin. Fünfmal kommt in diesem Evangelium schon das Wort „finden“ vor: „Wir haben den Messias gefunden.“ So entsteht eine Gemeinschaft, die noch einen weiten Weg vor sich hat, aber auch die Verheißung, „noch Größeres zu sehen“ (Joh 1,50).
Damit bin ich am Schluss. Mit diesem kleinen Impuls sage ich meinen Dank an Bischof Josef. Von Anfang an ist es ihm um einen Glaubensweg gerade auch zusammen mit jungen Menschen gegangen, der in das Geheimnis Gottes führt. Ich würde mich freuen, wenn wir darum über die Perspektiven einer Berufungspastoral weiter ins Gespräch kommen könnten.
Dr. Nikolaus Schwerdtfeger ist Weihbischof in Hildesheim und Titularbischof von Fussala
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