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Die Berufungspastoral auf der ersten Nordwestdeutschen Ministrantenwallfahrt

Michael Ostholthoff:
Die Kellnerinnen im Gasthof „Zu den goldenen und silbernen Schlüsseln“ am Kapellenplatz in Kevelaer staunten nur noch: „Wir sind ja eine Menge gewohnt hier in Weihrauch-City, aber so viele fromme junge Leute sind echt der Hammer!“ Und wirklich: Es war eine Veranstaltung der Superlative: 11.000 Messdiener kamen am 29. August 2009 in Kevelaer zu einer Wallfahrt der Nordwestdeutschen Diözesen zusammen. Fast 1000 Helfer sorgten für einen reibungslosen Ablauf, so dass etwa die 4,2 Tonnen Nudeln oder die 1,2 Tonnen Tomatensoße auch wirklich auf den Tellern der mittagessenden Teilnehmer landeten. Unter dem Motto des Tages „Ich glaub an dich!“ fanden über einen ganzen Tag Gottesdienste, Gesprächskreise, Gruppenspiele, Besichtigungstouren, uvm. im zweitgrößten Wallfahrtsort Deutschlands statt. Die größte katholische Jugendveranstaltung in Deutschland seit dem WJT in Köln hat alle Teilnehmer begeistert und wird sicherlich in den kommenden Jahren ihre Neuauflage finden.

Bei einem Ereignis dieser Größenordnung durfte natürlich die Berufungspastoral nicht fehlen. So informierten die Diözesanstellen aus Osnabrück, Münster und Aachen über die Berufe der Kirche und wurden dabei von den Stundenten aus dem Priesterseminar Borromaeum aus Münster unterstützt. Der exponierte Standort unmittelbar an der Marien-Basilika tat ein Übriges, so dass der „Vocationpoint“ zu einem Anlaufpunkt von vielen hundert Kindern und Jugendlichen wurde. Besondere Attraktionen des Standes waren eine Lostrommel, aus der die Messdienerinnen und Messdiener Bibelverse als Tageslosung ziehen konnten. Außerdem gab es bei einem Kartenhaus-Kirchbau-Wettbewerb attraktive Preise zu gewinnen. Diese „Haltepunkte“ am Berufungsstand und diverse Giv’aways sorgten dafür, dass die Berufungspastoral bei der Ministrantenwallfahrt nicht nur Zaungast, sondern auch durch viele Werbeträger in hunderte von Pfarrgemeinden der sieben teilnehmenden Diözesen getragen wurden.
Einen inhaltlichen Akzent zum Thema Berufung setzte eine gleich zweimal durchgeführte Veranstaltung „God is a DJ!“ in der Marien-Basilika. Dort erzählten Bischof Dr. Franz-Josef Bode und Bischof Dr. Felix Genn von ihrer Zeit als Messdiener und welche Bedeutung dieser Dienst für ihre spätere Entscheidung hatte, sich auf den Weg der Priesterausbildung zu begeben. Neben den Bischöfen gaben auch Ministranten aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern ein Lebenszeugnis, indem sie den Kindern und Jugendlichen verdeutlichten, welche innere Verbindung zwischen ihrem kirchlichen Engagement und ihrem Beruf, ihrer Ausbildung oder ihrem Studium als Kommunikationswissenschaftler, Krankenschwester, Lehrer, Küster, Informatiker oder als Priesteramtskandidat besteht. Der Basilika-Organist Elmer Lehnen sorgte mit seinen Orgelimprovisationen für die musikalische Rahmung der Redebeiträge und holte Michael Jackson, russische Folklore oder die Jingles der Sesamstraße und der Sendung mit der Maus in die Kirche und sorgte so für viel Erheiterung und noch mehr Applaus.
Der Tag in Kevelaer war ein Tag der Freude und der Gemeinschaft im Glauben. Unsere Berufungspastoral sollte die Chance nicht verpassen, gerade hier präsent zu sein, wo junge Menschen solche positiven Erfahrungen in und mit unserer Kirche machen können. In Kevelaer war die Berufungspastoral mittendrin, statt nur dabei!

Rückblick auf das 30-Tage-Gebet

Michael Holl:
30 Tage lang, vom 3. Oktober bis zum 1. November 2009, dauerte die Gebetsinitiative. Die Verantwortlichen in den Diözesen Freiburg, Fulda, Regensburg, Rottenburg-Stuttgart und Speyer luden ein – und viele Tausende beteten mit! Jeden Tag waren zwischen 300 und 400 Gemeinden, Klöster, kleine Gebetskreise zu Hause oder auch private Beter und Beterinnen aktiv dabei. Technisches Kernstück war eine Homepage, die nicht nur zum Mitbeten einlud, sondern auch Neuigkeiten, Materialangebote, sowie eine Zeitliste und Übersichtskarte mit den Gebets-Orten enthielt.

Hier einige Eindrücke:
In der Diözese Rottenburg-Stuttgart meldete sich unter anderem ein Mann aus einem Obdachlosenheim, er wolle 30 Tage lang jeden Morgen den Rosenkranz beten und dabei um Berufungen bitten. In der Diözese Regensburg war unter den zahlreichen Menschen, die ihre Teilnahme an der Initiative ankündigten, eine ältere Dame, die erklärte, täglich, in der Zeit zwischen fünf und sechs Uhr morgens, beten zu wollen. Das Internet kennt keine Diözesan- oder sonstigen Grenzen. So gab es auch Beterinnen und Beter aus der ganzen Bundesrepublik, Österreich und Amerika!
Im Zentrum standen nicht nur die Berufungen zum Priester- oder Ordensberuf. Auch andere mögliche Berufungen – sei es zu einem Beruf in der Kirche, sei es auch die Berufung zu einer christlichen Ehe – sollten als je spezifische Berufungen hervorgehoben werden. „Gerade die christliche Dimension einer Ehe ist ein Aspekt, den zum Beispiel Papst Johannes Paul II. immer wieder betont hat, und der uns auch sehr wichtig ist“, erklärt Volker Sehy aus der Diözese Speyer. „Manche Leute reagieren überrascht. Eine Frau hat zum Beispiel gemeint: ,Darüber habe ich noch nie nachgedacht, dass Ehe eine Berufung ist – aber wenn ich zu Hause bin, werde ich mit meinem Mann darüber sprechen!‘“ So war der Aufruf der fünf Diözesen zu dieser gemeinsamen Gebetsinitiative offenbar bereits im Vorfeld in vielen Gemeinden Anlass zu Gesprächen und zum Nachdenken auch über die eigene Berufung.
Wichtig sei, so Michael Holl aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart, dass sich Menschen in ihrer Berufung zu einem entschiedenen Christsein ermutigt fühlen würden. „Und auf dieser Grundlage können Lebensentscheidungen getroffen werden: vielleicht für einen Priester- oder Ordensberuf oder für Ehe und Familie.“ Er zweifle nicht daran, dass Beten, 30 Tage lang, in einer fast ununterbrochenen Kette, in Gemeinden, Klöstern, auch zu Hause, eine Wirkung entfalte: „Meine persönliche Erfahrung ist: Beten stärkt das Vertrauen auf Gott! Wichtig ist, deutlich zu machen, dass Berufungen etwas sehr Wertvolles sind, dass deshalb in der Kirche um sie gebetet wird.“
„In den Gemeinden werden oft jeweils vor Ort gemeinsame Gebetszeiten geplant“, so Silvia Vey aus Fulda. „Viele Pfarreien haben Listen in ihren Kirchen ausgelegt, damit sich die Gemeindemitglieder für einen bestimmten Tag im Monat Oktober eintragen können.“ Auch so entstehen Netzwerke des Gebets in den Kirchengemeinden.
Die Initiative „30 Tage Gebet“ wollte Impulse geben, um den Blick nach vorn zu richten und nicht nur den Mangel an Berufungen zu beklagen. Es gilt darüber nachzudenken, wie sich in Familien und Gemeinden eine Atmosphäre schaffen lässt, damit Berufungen wachsen können. Auf den weit verbreiteten Eindruck einer allgemeinen Mangelsituation ging der Fuldaer Bischof Heinz-Josef Algermissen in einem „Wort des Bischofs“ ein: „Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, dass wir bislang jedenfalls immer Priester hatten und viel zu wenig darauf geachtet, dass ja auch Priester werden müssen.“ Berufungen würden nicht vom Himmel fallen, machte der Bischof deutlich. Die wesentliche Frage sei, ob junge Menschen, die sich von Gott angesprochen fühlten, Verständnis, Unterstützung und Ermutigung finden würden. „Ob in den Gemeinden unseres Bistums Berufungen wachsen, sagt auch etwas über die geistliche Offenheit und Wachheit der Gemeinden aus.“

Einige Anregungen / Fragen für Kirchengemeinden:
•    Zeitraum: Welche Zeiträume eignen sich, wo gibt es geeignete Anlässe für das Gebet um Berufungen (z.B. Welltgebetstag am 4. Ostersonntag, Kirchenpatrozinium, Priesterweihe, - jubiläum, Investitur)?
•    Dauer: Wie lange sioll die Aktion dauern (z.B. 30-Stunden-Gebet um Berufungen)?
•    Öffentlichkeitsarbeit I (im Vorfeld vor der Aktion): Wer trägt die Aktion mit (KGR, Verbände, Gruppen)? Wie wird für das Anliegen geworben? Wie werden die Menschen zum Gebet hingeführt? Für wen beten wir? Was verstehen wir unter „Berufung“?
•    Öffentlichkeitsarbeit II (während der Aktion): Veröffentlichung der Gebetstermine im Gemeindelatt, auf der Pfarr-Homepage oder einer Liste bzw. einem Plakat in der Kirche
•    Orte: Privates Gebet zuhause oder öffentliches Gebet in der Kirche. Idee: Abendgebete jeden Tag in einer anderen Kapelle bzw. Kirche einer Seelsorgeeinheit