SPRICH NUR
EIN WORT

 

»Sprich nur ein Wort.« (Mt 8,8) Wir kennen dieses Zitat. Es stammt aus der Heiligen Schrift. Ein Hauptmann richtet es an Jesus in der Hoffnung auf Heilung für seinen Diener. Das große Vertrauen, das er ihm in dieser Aussage entgegenbringt, findet Bestätigung im Wunder, das Jesus wirkt. Sein Diener wird gesund.

 

Noch weit geläufiger ist uns dieser Satz aber aus der Messfeier. »Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.« Wie oft haben wir dies schon vor dem Empfang der Eucharistie bekannt. Es ist nicht so, dass wir aufgrund unserer Vorzüge den Leib Christi empfangen; es ist Gott, der sich uns zuwendet und uns heilt – nicht zuletzt dadurch, dass er sich selbst uns zur Speise gibt.

Und doch: Haben wir diese Aussage nicht von klein auf so oft gehört, dass wir kaum mehr die Sprengkraft erkennen, die in ihr enthalten ist? Ist dieses gewaltige Wort dadurch harmlos geworden, quasi durch den Alltag entzaubert? Hier lohnt sich ein genauer Blick auf das, was sowohl in der Aussage des heidnischen Hauptmanns wie auch in der Liturgie der Kirche zum Ausdruck kommt.
Die Kernaussage besteht aus zwei Teilen. Der erste handelt von der eigenen Schwäche. »Ich bin nicht würdig«, dass Gott zu mir kommt. Das klingt ungewohnt und ist ja eigentlich eine Unverschämtheit. Widerspricht das nicht unserem christlichen Gottesbild? Da soll ich mich also klein machen, bekennen, dass ich zur Begegnung mit Gott nicht tauge. Das widerstrebt uns. Wir haben uns vielmehr daran gewöhnt, uns unserer Bedeutung bewusst zu sein, ja sie sogar zu betonen. Wir sind doch persönlich von Gott gerufen. Er hat eine Beziehung mit einem jeden und einer jeden von uns. »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir.« (Jes 45,4 bzw. Jes 43,1) Kann es eine größere Würde geben? Wie schroff steht dem die Aussage aus der Liturgie und dem Evangelium gegenüber: »Ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach.« Wir haben kein Recht darauf, Jesus Christus zu begegnen, ihn in uns aufzunehmen.

Dies können wir aber nur dann richtig verstehen, wenn wir beides gemeinsam betrachten. Jede Aussage ist, wenn sie für sich allein steht, problematisch. Es stimmt, dass wir uns vor Gott nicht auf unsere Verdienste berufen können. Wer jedoch hier stehen bleibt, verpasst das Entscheidende: Wir brauchen angesichts dieser Erkenntnis nicht zu resignieren, denn Gott selbst ist es, der uns Würde zuspricht. Er zeigt uns, dass wir uns unseren Wert nicht selbst geben können. Wir brauchen es aber auch gar nicht, weil er es selbst für uns tut.

 

 

 

 

 

Das wird im zweiten Teil der Aussage deutlich: »Sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.« Gott ist bereit, dieses Wort zu sprechen. Darin kommt zum Ausdruck, dass wir in einem grenzenlosen Vertrauen darauf leben können, dass Gott für uns sorgen wird, weil wir es ihm wert sind – dass ihm sogar ein Wort genügt, um uns heil werden zu lassen. Mehr ist dafür nicht notwendig. Und weil Gott uns dies zusagt, dürfen wir ihm in der Eucharistie begegnen. Gerade im Zeichen von Brot und Wein wird diese Zusage Gottes für uns augenscheinlich, erfahrbar.
Bewusst oder unbewusst bekennen wir dies in jeder Messfeier. Im Schrifttext wird die Aussage aus einem bestimmten Grund noch zusätzlich verschärft. Da tritt nämlich ein Hauptmann an Jesus heran – in den Augen derjenigen, die Jesus begleiteten, ein »Ungläubiger«, ein römischer Besatzer. Und ausgerechnet er bringt einen stärkeren Glauben auf als alle frommen Juden, die Jesus begleiten. Das mag für diejenigen, die das damals miterlebt haben, beschämend gewesen sein. Die eigentliche Aussage geht aber über die Blamage für die Frommen der damaligen Zeit hinaus. Vielmehr zeigt sich darin, dass der Glaube an Jesus Christus sich an alle, an die ganze Welt richtet. Alle haben die Möglichkeit, dies zu erkennen und sich voller Vertrauen Jesus zuzuwenden.

Sich das immer wieder neu ins Bewusstsein zu rufen, ist ein wichtiger Auftrag, um unserer Berufung als Christen gerecht zu werden. Darüber hinaus gibt es zwei weitere Gründe, die uns bewogen haben, dieses Leitwort für die Berufungspastoral im Jahr 2017 auszuwählen.

In diesem Jahr gedenken wir des Beginns der Reformation in Deutschland vor 500 Jahren. Manches Schwierige mag dadurch in die Geschichte unseres Landes, ja der ganzen Welt gekommen sein. Wir leiden im Christentum noch heute unter der Spaltung in die verschiedenen Konfessionen. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Impulsen, die damals tatsächlich dringend notwendig waren, um wieder neu zum Kern des christlichen Glaubens vorzudringen. Dazu gehört unstrittig auch die Hervorhebung der Bedeutung des Wortes Gottes. Sich der Heiligen Schrift zuzuwenden, dem Wort Gottes verändernde Kraft zuzutrauen: das ist gerade in diesem Gedenkjahr eine herausragende Aufgabe auch für uns katholische Christen! Es ist, wenn wir so wollen, die Berufung des Jahres 2017, sich den guten und sinnvollen Anliegen der Reformatoren vor 500 Jahren zuzuwenden und dadurch einen Beitrag zu gelebter Ökumene zu leisten. Der Auftrag Jesu, um die Einheit der Christen zu beten (vgl. Joh 17), ist gerade in einem solchen Gedenkjahr mehr denn je eindrücklich vor Augen.

Des Weiteren ist das Wort Gottes auch der Ursprung einer jeden Berufung. »Sprich nur ein Wort« meint dann, dass tatsächlich das eine Wort Gottes ausreicht, damit der Berufene erkennt, wohin Gott ihn führen will. Gott genügt das eine Wort, um Menschen in seine Nachfolge zu rufen. Es ist allerdings darauf angewiesen, gehört zu werden. In der Wortflut unserer Tage sind wir nicht mehr ohne weiteres geschult, auf einzelne Worte zu hören. »Sprich nur ein Wort« will uns deshalb als Jahresthema in der Berufungspastoral motivieren, aufmerksamer zu werden – um das eine Wort Gottes zu hören, das mein Leben und sogar den Lauf der Welt verändern kann.

Interessanterweise genügt auch ein einziges Wort, um auf diesen Ruf Gottes zu antworten. Es geht um mein »Ja«, mein Bereitsein – mag es noch so zögernd, ja suchend und ringend gesprochen werden. Es reicht aus, um unsere Welt zu verändern. Wie viele Heilige könnte man als Beispiel dafür anführen. Wie viele ungenannte und unbekannte Personen haben mit diesem einen Wort, das sie gesprochen haben, so viel bewirkt.

Nicht selten neigen wir in Kirche und Gesellschaft dazu, zunächst einmal viele Worte zu machen und Forderungen zu stellen, auf dass sich die Dinge zum Guten verändern. Wie wäre es dagegen, erst einmal zu hören, was Gott von mir will? Und mit meinem »Ja« einzutreten für den Glauben in unserer Zeit? Mit meinem »Ja« Nächstenliebe zu verwirklichen und Gott zu ehren?

Und noch etwas wird im Kontext der biblischen Geschichte von der Bitte des Hauptmanns an Jesus erkennbar: wie wirksam das Vertrauen in das Wirken Gottes ist. Die Erzählung macht uns Mut, ein kindliches Vertrauen in das Wirken Gottes zu wagen. Das ist vielleicht der Kern dessen, was Jesus meint, wenn er uns auffordert, in seiner Nachfolge wie die Kinder zu werden (vgl. Mt 18,3). Dieser Gedanke scheint nicht nur uns heute zu provozieren. Er war auch zur Zeit Jesu irritierend. Eigentlich sollen doch die Kinder von den Erwachsenen lernen und für das Leben ertüchtigt werden. Hier ist es umgekehrt: Wir Erwachsenen sollen von den Kindern lernen, wie man blind und unbedingt vertraut.

Der Hauptmann bringt genau dieses Vertrauen auf. Er zeigt uns, dass es nicht vergebens ist, die Hoffnung auf Jesus Christus und seine heilende Kraft zu setzen. Dieses Vertrauen brauchen wir auch im Blick auf unsere Berufung. Es gibt vieles um uns herum, was es schwierig macht, all dem gerecht zu werden, was Gott mit uns vorhat: die eigenen Kräfte sind begrenzt; es ist in unserer Zeit nicht angesagt, sich von jemand anderem in Dienst nehmen zu lassen; die allgemeingesellschaftlichen Umstände für die Kirche sind schwierig usw. Gegen die vielen Widerstände steht am Ende allerdings schlicht der Hauptmann mit seinem Bekenntnis. Sein Beispiel ist eine bleibende Herausforderung und eine Aufforderung, sich seine Haltung zu eigen zu machen und zu Jesus Christus zu sagen: »Sprich nur ein Wort« und das Antlitz der Erde wird neu.