Marienmeditation


Ich möchte zuerst dazu einladen, dieses wunderbare und so außergewöhnliche Marienbild von Antonello da Messina zu genießen. Es ist im Original nicht wesentlich größer (45 x 34,5 cm), d.h. schon von daher ein kleines, eher dezentes Bild, das sich nicht aufdrängt, sondern dem Betrachter Aufmerksamkeit und Nähe abverlangt. Auf allen Schmuck und alle Machtinsignien, mit denen Maria immer wieder dargestellt wird, wird ebenso verzichtet wie auf pompöse Kleidung oder Effekte. Begegnung ist angesagt: stille, innige Begegnung, die Zeit – besser eine Auszeit – benötigt.


Lässt man sich zunächst von dem Gesicht ansprechen, dann sieht man hier eine unglaublich moderne, selbstbewusste und zugleich fest in sich ruhende junge Frau. Sie fesselt und führt in die eigene Tiefe. Chaos, Ablenkung und Reizüberflutung unserer Tage treten, umhüllt vom dunklen Schwarz, fast von selbst in den Hintergrund und machen einer Sehnsucht Platz, die eine ganz andere Fülle und Erfahrung ermöglicht. Hier wird Wesentliches angesprochen: authentisches, wahrhaftiges, ungeschminktes Leben. Dieser Frau geht es nicht um schnelles Ansehen oder Applaus, Zustimmung oder gar Erfolg; dieser Frau geht es um ihr ureigenstes eigenes Leben, um ihr Da-sein und dessen Sinnhaftigkeit.

Allein dieses Gesicht macht neugierig und hellhörig. Was ist das für eine faszinierende junge Frau? Selbst wenn wir den Titel nicht kennen würden, gibt das Bild einige Hinweise zur Deutung. Die rechte Hand der Frau wirkt wie ein Gegensatz zu ihrem ruhenden Gesicht. Sie ist abwehrend, kräftig und doch schon leicht zurückweichend. Dazu bildet wiederum die linke Hand einen starken Kontrapunkt. Vorsichtig, liebevoll und zärtlich hält sie das blaue Kopftuch zusammen und weist zugleich auf sich selbst. Erahnen lässt sich eine leichte Bewegung zu ihrem Herzen. Apropos Herzen: das Kopftuch zeichnet mit dem Gesicht quasi eine Herzform nach. Es geht also um eine Herzenssache. Um welche?

Spätestens an diesem Punkt hilft bei der Suche nach einem tieferen Verständnis des Bildes der Titel und die biblische Grundlage (Lk 1,26-38): „Maria der Verkündigung“! Dieser Titel gibt die erste entscheidende Idee des Künstlers preis. Es geht um Maria, um ihr Erleben dieses religiösen Ereignisses. Der Engel, in der Kunstgeschichte oft als Hauptfigur ins Bild gesetzt und in der Bibel der primäre Akteur, ist nicht zu sehen. Aber seine Botschaft ist bei dieser jungen jüdischen Frau angekommen. Noch treffender könnte man beschreiben, dass seine Botschaft im Bild gerade ankommt: Das Gemälde versucht die Emotionen und inneren Auseinandersetzungen der Frau bis zu ihrer Entscheidung zutiefst vorsichtig, ja intim, nachzuzeichnen.

Im Gesicht Marias ist der Schrecken über die Erscheinung des Engels, der Schauer vor der göttlichen Begegnung, nicht mehr zu sehen. Aber ihr Nachdenken, besser ihr existentielles Wägen, was die Anrede „Begnadete“ bedeutet (vgl. Lk 1,28f),  klingt ebenso nach wie ihr Unverständnis (Lk 1,34).  Die erschrocken abwehrende rechte Hand ist noch ausgestreckt, wenngleich schon gesunken. Die Botschaft ist zu ungeheuerlich: Maria, du wirst als Jungfrau ein Kind empfangen, einen Sohn gebären. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden (vgl. Lk 1,31-33).  Es geht um nicht weniger als um den jüdischen Messias, den Retter der Welt! Da ist Marias anfängliches Unverständnis „Wie soll das geschehen?“ bis heute verständlicher als ihr unglaublich glaubend vertrauendes Einverständnis zum Schluss.

Der Künstler aus dem 15. Jahrhundert beantwortet die Frage überraschend modern. Es bleibt eine Herzens- und Glaubensentscheidung, und so setzt er es nicht banal gegenständlich ins Bild: Gott bleibt ebenso unsichtbar wie der Engel. Dennoch gilt: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Die Kraft Gottes überschattet. Sie umfängt Maria wie der dunkle Hintergrund. Es bleibt ein unbegreifliches Geheimnis – keine Verstandes-, sondern Herzenssache. Mit dem Herzen müssen sich Maria und der Betrachter entscheiden. So zieht die Herzform vom Kopftuch über Nase, Kinn und Ausschnitt bis hin zur Buchstütze eine Senkrechte, die zwei Seiten scheidet: die abwehrende von der zugewandten Hand ebenso wie die tief nachdenklich rechte Gesichtshälfte von der fein freudig lächelnd zustimmenden linken. Der Mund versinnbildlicht beides. Eine neue Seite wird aufgeschlagen, wo diese Botschaft ankommt. Die alte Verheißung des Propheten Jesaja (Jes 7,14) wird Wirklichkeit. Vielleicht nur zufällig spiegelt sich das Neue auch in den damals modernen, gotischen Aussparungen der Buchstütze im Gegensatz zu ihrem seitlichen romanischen Bogen.


Schauen wir zum Schluss noch einmal in Ruhe auf das Gesicht. Die Augen der jungen Frau scheinen ganz nach innen zu blicken und – in eine andere Welt. Die Entscheidung ist gefallen. Nicht äußerlich! Marias Ja ist mit dem Herzen gesprochen. Ihr Mund bleibt verschlossen. Dies Geheimnis ist nicht argumentativ mitteilbar, sondern nur innerlich nachvollziehbar; nur mit dem Herzen zu erfassen und zu glauben. Maria ist umhüllt mit dem Blau des Kopftuches, mit dem tiefen Blau des Glaubens (Blau, die kostbarste Farbe der Zeit, kostbarer als Gold). Gott kann Mensch werden, weil sich Marias Herz öffnet, wie sich auch das Herz ihres Gesichtes nach unten hin zu ihrem Herzen, zu ihrer und der Mitte des Bildes öffnet: Gott kommt – fällt ein!

So sieht der Betrachter auch im Jahr 2019 in diesem Kunstwerk von Antonello da Messina nicht nur die junge jüdische Frau Maria, die mit ihrem Ja das entscheidende Glaubenswort spricht, sondern auch sich selbst und seine grundlegend zu entscheidende Lebensfrage. Glaube ich nur mir und meinen Fähigkeiten, oder kann ich mich glaubend für eine andere Dimension und Wahrheit öffnen, die meine Möglichkeiten übersteigt und mein Leben in Gott gründet – verewigt? Kann ich mit meinem Herzen Ja sagen und heute glauben: „Ich bin […] des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. (Lk 1, 38b)?

Frank Nienhaus, Dipl. Theologe, Leiter des Exerzitien- u. Bildungshauses Gertrudenstift in Rheine